Ich steh eigentlich auf was anderes

Es wäre vielleicht sinnvoller gewesen, diesen Post vor sechs Monaten zu veröffentlichen und nicht jetzt, wo alles vorbei ist, aber vor sechs Monaten war mir noch nicht so recht danach.
Ich wurde am Wochenende ein klein wenig wehmütig, als ich zur Derniere des Freischütz gelaufen bin. Dabei war ich bei der Spielplanpräsentation letztes Frühjahr gar nicht so begeistert gewesen. Eine deutsche Oper im deutschen Wald mit viel Horn und Jägerflair. Ich steh eigentlich auf was anderes.
Die Konzeptionsprobe ließ mich recht puzzled zurück. Das Jägerthema habe etwas Sexuelles, sagte der Regisseur, es über werde die Platzierung eines Phallus im Laufe der Inszenierung nachgedacht. Und wieder: Ich steh eigentlich auf was anderes.

Kollektive Agathe: Schieß nicht, ich bin die Taube!

Die Proben mit Chor waren aber erstmal nicht vom Phallus tangiert, wobei ich zugeben muss, dass ich das Stück von da an nicht mehr ganz unvoreingenommen betrachten konnte. Es war wohl die sechste Vorstellung als mir aufging, dass wohl eigentlich der Gewehrlauf und Probeschuss gemeint sind, wenn Kuno zu Max sagt »Leid oder Wonne, beides ruht in deinem Rohr«.
Max (Eric Laport) hatte für mich leider nicht viel an Attraktivität zu bieten – ich steh eigentlich auf was anderes – aber Eric verkörperte diesen verlorenen, verwirrten, mitunter unsicheren und letztlich als schizophren entlarvten Charakter sehr überzeugend. Wirklich ergriffen hat mich jedoch das Böse – Marcell Bakonyi mit großartiger Stimme als Kaspar, der den perfekten intriganten und verdorbenen Gegenspieler zu Max gab – oder vielmehr die dunkle Seite von Max’ Seele, denn Kaspar, ebenso wie Kaspars Verbündeter, der Teufel Samiel, wohnten nur in Max’ Kopf.
Aber nicht nur Tenöre haben es eigentlich schwer bei mir, auch Sopranistinnen müssen schon etwas Besonderes haben, um mich zu begeistern. Kein Problem für Sarah Wegener als Agathe. Zeit, die Augen zu schließen und sich von der Musik und dem Gesang davon tragen zu lassen, denn Agathe war mir zwar keine besonders sympathische Figur, doch kamen mir oft fast die Tränen, wenn sie diese seit dem von mir so oft zitierten Zeilen sang »Ja, Liebe pflegt mit Kummer stets Hand in Hand zu gehen!« und in ihren Arien ihre wunderschöne Stimme glänzen ließ.
Auch wenn ich anfangs der Musik nicht so viel abringen konnte, habe ich mich schließlich dann doch in jede Vorstellung gesetzt und sie mir von Anfang bis Ende angehört, begeistert und demütig – denn ist es nicht ein unglaublicher Luxus? Auf dem Boden in einer Ecke der Bühne sitzen und Stauen, das ist ein unglaublicher Luxus.

Umstrittenes Zentrum der Inszenierung war sicherlich die Wolfsschluchtsszene. Hier bot meine Ecke der Bühne den Vorteil, das eingespielte Amok-Lauf-Video nicht einsehen zu können, höchstens auf dem kleinen Schweiz-Weiß-Monitor neben dem Feuerwehrmann, der aber oft die Sicht darauf versperrte. So konnte man ganz entspannt mitrocken, wenn die Musik sich ihrem Höhepunkt nähert, und mit Spannung erwarten, ob der alles entscheidende Satz fallen würde. Denn auf dem Höhepunkt des Wahnsinns, als Max selbst Hand anlegt, die siebte Freikugel gießt und es in seinem Hirn Amok läuft, da fahren die Transparente, die sonst das Bühnenbild ausmachen, wild hoch und runter, fallen schließlich und enthüllen damit den circa vier Meter großen Phallus. Im selben Moment ruft Kasper den Teufel – »Samiel!« und als der Phallus im Nebel sichtbar wird, ertönt eine Stimme: »Hier bin ich!«

In einigen Vorstellungen gab es jedoch kein »Hier bin ich!«, keine Auflösung der skurrilen Szene. Doch es ist ein durchaus bedenkenswerter Ansatz – denn was ist denn die treibende Kraft in Max’ Handeln? Ist die Sexualität nicht die größte Kraft, die auf einen Menschen wirken kann?
Jedenfalls muss man das erstmal hinkriegen – einen vier Meter großen, mit vielen Details versehenen Penis auf die Bühne stellen und damit männerfeindlich sein. Vom zweiten Rang mag man sich übrigens über den Baum oder gegebenenfalls auch Steinpilz gewundert haben, man sieht die Spitze nicht. Dann fällt der Vorhang, das Licht geht an und ein Techniker rollt den Riesenpenis von der Bühne ins Magazin. Immer wieder skurril. Man munkelt übrigens, er sei schon kurz nach seiner Fertigstellung an ein Etablissement verkauft worden.

Krankschwester in Der Freischütz

Dann noch das große Finale, ebenfalls nicht ganz wie es im Buche steht. Ein Haufen psychisch kranker Menschen betritt in Lumpen die Bühne und wird von seelenlosen Krankenschwestern mit Medikamenten versorgt und zum großen Gebet animiert. Der Psychiater spricht sich für die Einweisung von Max aus, das »Probejahr«. Dazu der Schlusschor »Wer rein ist von Herzen und schuldlos im Leben, darf kindlich der Milde des Vaters vertrau’n!« Die Insassen, sie sehen in ihrem Wahnsinn alle kindlich aus, sie mögen vielleicht die reinsten Herzen haben.

Alles in allem war das eine äußerst spannende, mitreißende und tiefe Produktion, szenisch wie musikalisch. Auch wenn ich eigentlich auf was anderes stehe. Und bei aller Laudatio auf Musiker und Regie soll mein letztes Wort den guten Seelen der Maske gelten: Ihr macht einen tollen Job, mich so scheiße aussehen zu lassen!

Fotos von Der Freischütz auf www.stadttheater-giessen.de

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Filed under Chantez, chantez!, Teatro

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