Wut, Schmerz, Liebe

Bevor das Orchester die Ouvertüre zu spielen beginnt, tritt eine Figur auf die Bühne. Sie schaut etwas suchend in den Raum, trägt ein T-Shirt auf das die Worte Ira, Dolore, Amore – Wut, Schmerz, Liebe – gedruckt sind und fängt an, I am what I am aus La Cage aux Folles zu singen.

Die Oper hat noch gar nicht begonnen, da ist eine der tiefsten Szenen schon vorbei. Egal, was in Fosca eigentlich passieren wird (die Figur “What I am” ist frei dazu inszeniert), zu Beginn wird erstmal eine ganz profunde Wahrheit offenbart: Zu sein, wer man ist, kann sehr nah mit den drei Emotionen verbunden sein – Wut, Schmerz und Liebe, Liebe zu anderen und vor allem zu sich selbst. Besonders, wenn man anders ist, als das, was andere sich angewöhnt haben “normal” zu nennen – sei es, weil man kurze Haare trägt, sei es, weil man voll von Liebe ist und daran zerbricht, so wie Fosca.

Vielleicht war die Intension des Regisseurs (Thomas Oliver Niehaus) eine ganz andere, doch kann ich der Szene bzw. dem Gedanken daran (ich konnte sie leider nur einmal sehen) immer wieder viel abgewinnen.

Giuseppina Puinta als Fosca (Photo: Rolf K. Wegst)

Fosca (Giuseppina Piunti): Tutto è follia…(Photo: Rolf K. Wegst)

Fosca – das klingt ein wenig nach einer Handelsmarke. Gäbe es beim Discounter Oper zu kaufen, könnte sie Fosca heißen, so zumindest der erste Gedanke. Es lohnt sich allerdings ein zweiter – denn Fosca (aus der Feder des Brasilianers Antônio Carlos Gomes) ist durchaus nicht mit Recht völlig in Vergessenheit geraten – im Gegenteil! Die Oper spielt im Piratenmilieu und dreht sich im Großen und Ganzen um – man kann es schon vermuten – Ira, Dolore, Amore – tutto è follia. Fosca, eine Piratenbraut, hat sich in einen venezianischen Gefangenen verliebt, der jedoch zu seiner Verlobten Delia zurückkehrt. In Wut und Schmerz verspricht sie sich einem Piraten, wenn dieser ihr Delia aus Venedig bringt.

So wird Delia verschleppt und trifft schließlich auf Fosca. Delia bittet, den von beiden geliebten Mann nicht zu töten und bietet an, an seiner Stelle zu sterben. Im Hintergrund erscheint der Schriftzug “And I said I love you”. Fosca bewundert diese Liebeserklärung Delias, schließlich umarmen sich die beiden Frauen.

Fosca (Giuseppina Piunti) und Delia (Maria Chulkova) (Photo: Rolf. K. Wegst)

Fosca (Giuseppina Piunti) und Delia (Maria Chulkova) (Photo: Rolf. K. Wegst)

Bei der Konzeptionsbesprechung versprach der Regisseur musikalische Homoerotik: keines der Liebesduette habe musikalisch so viel Liebe für einander in sich wie das Duett von Fosca und Delia. Er lässt die beiden Frauen dann auch nicht alleine auf der Bühne stehen, sondern alle Frauen die Bewunderung teilen. Der Damenchor betritt ergriffen und bewegt die Bühne und fällt gar geschlossen in Ohnmacht. Großartig. Zwar würde ich mich gerne mal ganz in Ruhe von diesem Duett, von Giuseppina Piunti und Maria Chulkova, ergreifen und bewegen lassen, aber es ist auch eine meiner Lieblingsszenen zum Spielen.

Ein letztes Mal steht Fosca zwischen Delia und Paolo.. (Photo: Rolf K. Wegst)

Ein letztes Mal steht Fosca zwischen Delia und Paolo (Photo: Rolf K. Wegst)

Natürlich dürfen nicht beide Frauen das Ende der Oper miterleben, nur eine überlebt die Auseinandersetzung darüber, wer sich nun aus Liebe opfern darf bzw. soll. Foscas gebrochenes Herz, umhüllt von einem atemberaubenden Kleid, lässt die beiden nach einem musikalisch packendem Finale schließlich mit der Bitte um Vergebung ziehen und verliert den Kampf gegen die Wut, den Schmerz, den Kampf um die Liebe.

Fosca gibt’s noch drei Mal im Stadttheater Gießen (22.3./14.4./27.4.) und online in der Hessenschau (ca. ab Minute 23:30).

PS: I just saw Anik LaChev turned a White Shirt Monday into a Black Jacket Thursdays – in Fosca we have a black jacket holding hands with a white shirt..

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Filed under Chantez, chantez!, Teatro

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