Sexy anno 1843

Termin zur Kostümanprobe Fliegender Holländer. Zu einer Zeit, in der ich gerade genieße, mir zu erlauben, eine Identität zu leben, die irgendwo dazwischen liegt, irgendwo zwischen den Polen von männlich und weiblich. Freche Kurzhaarfrisur, lockere Jeans, buntes Hemd, bequemer Kapuzen-Pulli. Zur Anprobe alles aus. Dafür gibt es einen Rock, ihm fehlen drei Zentimeter im Umfang, eng. In das Oberteil sind formgebende Verstärkungen eingearbeitet. Dann stehen die beiden Damen vor mir und schnüren mir zum ersten Mal die Bluse zu. Ein wahrhaft gruseliges Gefühl! Ich stelle mir vor, wie das wohl war, früher, in einer Zeit, in der frau so etwas wirklich tragen musste, und ich spüre für einen Moment einen Hauch davon, in welches Korsett man eine Seele damals schnüren konnte. Die Gesellschaft heute schnürt immer noch, wenn auch anders. Dennoch überkommt mich Dankbarkeit, in einer anderen Zeit leben zu dürfen, in der das alles nur Theater ist.
Im Spiegel ein bizarres Bild. Aus dem Kostüm mit all seiner Weiblichkeit ragt die freche Kurzhaarfrisur. Zur Vorstellung wird die dann auch noch mit einer schwarzen Haube gebändigt und versteckt. Fertig die Figur, die in ihrer Starrheit Symbol einer irren Gesellschaft sein soll.

Geschnürrt

Der geschnürte Damenchor verwandelt sich auf der Bühne in eine Spinnerinnen-Armada, die gehorsam am Spinnrad auf ihre Matrosen wartet. Was ein Bild! Zu sehen in Wagners Fliegendem Holländer am Stadttheater Gießen.

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