»Die Tugend der Araber ist die Barmherzigkeit«

Diese Zeile aus Temistocle Soleras Libretto zu Emilio Arrietas Oper »La conquista die Granata / Die Eroberung von Granada« (inszeniert von Cathérine Miville am Stadttheater Gießen) war mir eine der einprägsamsten – wohl auch angesichts dessen, wie die arabische Welt spätestens seit 9/11 in den Medien porträtiert wird.

Granada spielt zur Zeit der Reconquista – Königin Isabella strebt an, die Belagerung Spaniens durch die Mauren zu beenden und die Alhambra einzunehmen. In diesem Kontext ereignet sich die obligatorische Liebesgeschichte zwischen den verfeindeten Lagern. Zulema, die Schwester des maurischen Herrschers, und Gonzalo, der christliche Edelkrieger, werden am Ende glücklich unter dem Kreuz vereint und die Alhambra an Isabella übergeben. Es ist schwer auszumachen, wer in dieser Geschichte die Guten und die Bösen sind. Das Happy End mag dabei etwas irreführend sein, läutete Eroberung von Granada 1492 doch die spanische Inquisition und die Verfolgung der Juden ein – eine thematische Rückbesinnung auf den Beginn der Spielzeit, zu dem Ab heute heißt du Sara zu sehen war.

Happy End: Das vereine Paar, Königin Isabella, marusiches Heeresführer umringt von christlichen Kriegern. Foto: Rolf K. Wegst

Happy End: Das vereinte Paar, Königin Isabella und maursiche Heeresführer umringt von christlichen Kriegern. Foto: Rolf K. Wegst

Einen Hinweis auf Gut und Böse gibt das Bühnenbild: die christliche Baustelle Santa Fè erscheint in einem kühlen silber-grau, wohingegen die farbenfroh ins Licht gesetzten arabisch angehauchten Wandverzierungen immer wieder aufs Neue zum Träumen und Genießen einladen. Nicht zuletzt werden die Räume auf der Drehbühne durch eine Wand getrennt, in die die Worte der Grabinschrift Isabellas gestanzt sind. Eine Grabinschrift, die Isabella und ihren Gemahl Ferdinand als »Vernichter der mohammedanischen Sekte und Auslöscher der ketzerischen Falschheit« feiert.

Giuseppina Piunti als Isabella - Auftritte, denen man sich nicht entziehen kann! Foto: Rolf K. Wegst

Giuseppina Piunti als Isabella – Auftritte, denen man sich aukustisch und visuell nicht entziehen kann (was ich auch gar nicht will^^)  Foto: Rolf K. Wegst

Vielleicht geht es aber auch gar nicht so sehr um Gut und Böse. Das von der Kritikern als langweilig empfundene Libretto gibt Raum, sich auf die Schönheit der Musik zu konzentrieren. Hieß es am Anfang noch, das sei »halt einfach B-Musik«, ließ ich mich mit der Zeit doch gerne von dem melodiösen, fröhlichen Klang hinreißen, der mal kraftvoll und mit viel Bums die Entschlossenheit der Krieger untermalt, mal die kunstvollen Wandmalereien mit orientalischer Musik verkleidet. So schön und so bunt kann sie sein, die Vermischung des künstlerischen Vermächtnisses zweier Kulturen.

Vielleicht geht es auch einfach mal um Gefühle. Um die Euphorie vor dem Angriff, die Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren, die Trauer um einen gefallenen Bruder, die Sehnsucht nach Frieden, die Einsamkeit, Wut und Verzweiflung, wenn einen der eigene Vater verstößt, die Versöhnung, von selbigen wieder aufgenommen zu werden, die Freude und das Glück darüber, wenn am Ende alles gut wird. Die Vorstellung lädt nicht nur zum Zuschauen und -hören ein, sondern genauso sehr zum Mitfühlen, zum Freuen, Trauen, Weinen, Sehen, Wünschen und Lieben.

Naroa Intxausti als Zulema - zum Dahinschmelzen schön! Foto: Rolf K. Wegst

Naroa Intxausti als Zulema – zum Dahinschmelzen schön… Foto: Rolf K. Wegst

Prägende Bühnenerfahrung ist in dieser Inszenierung das Tragen des Chadors, ein von muslimischen Frauen über Kopf und Körper getragenes Kleidungsstück, welches uns in den »arabischen« Szenen farbenfroh in Haremsdamen verwandelt. Erstmal ist es natürlich ein Kostüm, unter welchem der selbe Geist steckt wie unter der Idomeneo-Maske oder einem frechen Hut, doch ein Blick in den Spiegel lässt immer wieder erstaunen, wie viel Möglichkeiten der Selbstinszenierung einem dieses Kostüm nimmt. Man denkt an asketisch lebende, wuselige Nonnen, die sich auf ein Leben des Geistes eingelassen haben und freiwillig und bewusst auf äußere Darstellungen ihrer selbst verzichten (abgesehen davon, dass ein Habit natürlich auch eine Darstellung an sich ist). Und es ereilt mich mal wieder ein Glück darüber, dass mich soziale Konventionen nicht dazu bringen, mit mehr oder weniger Freiwilligkeit meinen Kopf – und irgendwie einen mir wichtigen Teil meines Ichs – zu verhüllen.

Der maurische Damenchor um Zulema - Foto: Rolf K. Wegst

Der maurische Damenchor um Zulema – Foto: Rolf K. Wegst

So provoziert der Chador bei mir dann auch ein Bekenntnis zur Dualität der Geschlechteridentität – und bei anderen zumindest die Frage, wie es aussieht, wenn frau im Chador Klimmzüge macht, oder so vermeintlich männlichen Aktivitäten wie Armdrücken, Clinch, oder Boxen nachgeht.

Am Ende der Oper sollte man es schließlich mit den Worten Zulemas halten, die in einer ihrer wunderschönen Arie singt »wer jetzt nicht bewegt ist, hat keine Seele«. Denn darum geht man doch ins Theater (wo der ein oder andere die nötige Anonymität des dunklen Zuschauerraums findet) – um die Seele berühren zu lassen.

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Filed under Chantez, chantez!, Hot Mezzos in Dresses, Teatro

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