Wer das Schweigen bricht…

Es ist eine verborgene Welt, die da Teil meines Lebens ist. Unsere Gesellschaft ist arm geworden an Tabus, aber manches hält sie immer noch im Verborgenen. Man kann heute über alles Mögliche sprechen, doch nur schwer über… genau darüber. Eine Welt, die manchmal ist wie ein ausgelutschter Kaugummi, den man runterschlucken oder ausspucken muss. Und manchmal muss man ihn jemandem vor die Füße spucken.
Wenn ich jemandem diese Welt erklären möchte, lege ich meine Worte vorher besser fein säuberlich zurecht, sonst gibt es viele Satzanfänge, aber kaum Enden dazu. Adrenalin im Körper und den Herzschlag im Hals, auch beim xten Mal.
Wenn ich jemandem diese Welt erklären möchte, denke ich zu viel darüber nach, dass niemand ungefragt diese Welt erklärt haben möchte. Und fragen tut man nicht. Manche bringe ich zu einem betretenen, manche vielleicht zu einem taktischen Schweigen.

Unsere Sprache ist nicht reich an Worten, die die Momente beschreiben, in denen diese Welt aus dem Verborgenen tritt und sichtbar wird. Es ist wie ein Programm, das im Kopf abstürzt, sich aufhängt. Mal blinzeln dann die Augen, mal schüttelt es die Hände, mal beame ich mich in eine andere Zeit, an einen anderen Ort. Ein Programm, das abstürzt, wenn »doof« geklickt wird, zur falschen Zeit am falschen Ort. Wenn an einem Zaun dieses eine Plakat hängt, wenn ich auf der Party auf diesen einen Menschen treffe, ich bei diesem einen Fast-Food-Restaurant bin, dieses eine Sport-Shirt kaufe, im Radio dieser eine Bericht kommt. Ich kann mir aber auch zehn Vorstellungen lang diese eine Szene anschauen, und erst wenn ich mich ein Jahr später darüber unterhalte, ist einer dieser Momente, der aus dem Nichts kommt, umwirft, und irgendwo hin geht. Einer dieser Momente, der kommt, wann er will.

Es ist etwas Besonderes, auf einen Menschen zu treffen, der »wir« sagen kann. In dessen Identität sich diese verborgene Welt ebenfalls eingewoben hat, auf seine eigene Art, irgendwann im Laufe seines Lebens. Ein Mensch, bei dem zwei Worte reichen, um alles zu sagen, um verstanden zu werden: doof heute. Es gibt so viele von »uns«, aber auch davon bleiben meist so viele verborgen.

Es ist etwas Besonderes, auf Menschen zu treffen, die keine Berührungsängste haben. Die sich nicht dem Schweigen anschließen, sondern respektvoll einen Raum zum Sprechen öffnen. Die nach dem Gefühl fragen, nach der Gegenwart. Die bereit sind, verstehen zu lernen, und offen sind für eine zutiefst ehrliche Begegnung.

Mit dem Slogan »Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter« startete vor vier Jahren die Kampagne sprechen-hilft.de. Wer spricht, braucht auch Zuhörer. Sprache schafft Realität. Es braucht eine Kultur des Redens, um ein Tabu existent werden zu lassen. Ebenso eine des Zuhörens, des voneinander Lernens und der Achtung. Auch wenn es nie so leicht werden wird wie zu sagen »ich habe Asthma« oder eine Pollenallergie.

Ich wünsche mir eine Welt mit weniger aus Machtstrukturen und sozialer Konvention erwachsener Verborgenheit. Und immer wieder auch mal eine riesige Portion kindlicher Unbefangenheit. Im Geiste im Sandkasten sitzen und sagen »ich bin ein Paragraphhundertxnsiebzig-Kind«. Wie selbstverständlich den Kaugummi ausspucken.

Das Schweigen brechen, bevor es einen selbst bricht.

Missbrauch ist strafbar.

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1 Comment

Filed under 17x., Viva!

One response to “Wer das Schweigen bricht…

  1. Dominique

    Gänsehaut! Da du, ohne es auszusprechen, es genau “beschrieben” und “benannt” hast! Bravo.

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