Unbequeme Worte

Anfang des Jahres war ich angetan von der Idee, einmal Worten, die man gerne öfter hören würde, etwas mehr bloggerische Aufmerksamkeit zu schenken. Die letzten Wochen brachten mich dann ein wenig in einen Zwiespalt: In den Medien sind Worte präsent, die versuchen Unbeschreibliches zu beschreiben, nämlich den sexuellen Missbrauch an Kindern, der gerade im Gewand der katholischen Kirche in die Öffentlichkeit tritt. Es sind Worte, die weh tun, die aber viel öfter gehört werden müssten.

Meine Wochenzeitung berichtet seit Monaten zuverlässig über neue Erkenntnisse, Debatten, Studien, Gerichtsprozesse und Entwicklungen im sogenannten Missbrauchsskandal der katholischen Kirche – eine schier unversiegbare Quelle an Grausamkeiten und Heucheleien. Das Ganze gipfelte letztes Wochenende in einem Gipfel, an dessen Ende eine Rede des Papstes stand, die den katastrophalen Umgang der Kirche mit dem Missbrauch eklatant wiederspiegelte. Das möchte ich an dieser Stelle gar nicht so sehr vertiefen. Bodo Wartke fasst es so wunderbar zusammen:

Wenn ich ein Gott wär von irgendeiner traditionsreichen populären Weltreligion, dann hätt‘ ich was zu sagen:
wenn von selbsternannten Dienern Gottes auf Erden
Kinder missbraucht und mishandelt werden,
dann geschieht das ganz gewiß nicht in meinem Namen!

Damals – 2010, als die erste Enthüllungswelle katholischer Verbrechen losgetreten wurde – wie heute habe ich die Berichterstattung förmlich in mich aufgesogen, auch wenn ich diese Kirche kopfschüttelnd, aber bequem von außen betrachten darf. Was mich bewegt, ist die Tatsache, dass diese Worte es überhaupt in die breite Öffentlichkeit geschafft haben. Denn Worte lassen Realitäten entstehen.
Sexueller Missbrauch scheint mir einen Rahmen zu benötigen, um in das öffentliche Bewusstsein zu gelangen. Diesen Rahmen bietet die moralisch hoch aufgeladene, weltumspannende Kirche auf besondere Weise: Sie bietet ein ganzes Tätersystem mit der größtmöglichen Divergenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, mit äußerst wirksamen Vertuschungsmechanismen und einer kaum zu beziffernden Zahl an Betroffenen, Survivors.
Vielleicht bietet dieser Rahmen, der so greifbar ist, irgendwann auch einen Spalt, um diejenigen in ein öffentliches Bewusstsein zu holen, an denen ähnliche Verbrechen außerhalb dieses oder eines anderen Systems verübt wurden. Um den sexuellen Missbrauch aus seinem finsteren Tabu-Versteck zu zwingen und Räume zum Sprechen zu bieten.

Noch wichtiger wäre jedoch, den Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass es Missbrauch gibt, sei er sexueller oder anderer Art, dass er manchmal wie eine Normalität daher kommt, von Vertrauten und Nahestehenden, und dass vor allem eines ist: ein Verbrechen.

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Filed under #TalkPeace, § 176

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