Smarte Fotografie

Mein Fotografinnenherz ist in Bedrängnis. Es möchte sich freuen, aber gleichzeitig wird es einen gewissen, schambehafteten Beigeschmack nicht los, der unweigerlich die Frage aufwirft: Wie soll das eigentlich in Zukunft sein mit dir und der Fotografie?

Nach langem Zögern habe ich mir vor einigen Monaten ein neues Smartphone gekauft. Mein Modell aus dem Jahre 2015 drohte technisch abgehängt zu werden. Lediglich die Kamera lieferte stets Ergebnisse, die ich immer noch vielfach auf A3 zu Weihnachten als Kalender verschenken konnte. Da dies mir allerdings nicht in der täglichen Kommunikation half, suchte ich etwas Neues, Priorität: aktuelle Software und überdurchschnittliche Kamera. Schließlich bin ich bei einem Vorjahresmodell gelandet, dem Huawei P20 Pro, das drei Leica-Linsen in sich trägt, sowie eine angeblich atemberaubende Software zur Verarbeitung der optischen Sinneseindrücke.

An einem sonnigen Herbsttag habe ich dann auf einen kleinen Spaziergang gemacht, ob die hochgelobte Kamera zu testen. Ich war begeistert! Und auch ein paar Wochen später im Winter schlug sie sich ganz hervorragend.

Doch gleichzeitig fühlte ich mich auch wie ein Betrüger. Fotografie ist ein Handwerk, das Smartphone arbeitet angeblich mit künstlicher Intelligenz (einem Konzept, dem ich grundsätzlich eher skeptisch gegenüberstehe). Zwar hat das, was im Inneren jeder Digitalkamera vor sich geht, nicht viel mit Handwerk zu tun. Aber das die Bearbeitung des Fotos quasi schon mit dem Auslösen abgeschlossen ist, finde ich auch ein bisschen unfair. Eine Einstellung bietet die Möglichkeit, den Fokuspunkt und die Größe der Blende im Nachhinein zu verändern. Dass das erlaubt ist?! Dann kann das mit dem Fotografieren ja jeder!
Und wie muss sich meine Spiegelreflexkamera im Regal fühlen, die in Sachen Größe und Gewicht sowieso schon immer ein schweres Los hatte und nun – unter gewissen Bedingungen – auch noch nicht mal mehr direkt vermeintlich vergleichbarere Ergebnisse liefern kann?

Ich gelobe Treue zu meiner Spiegelreflexkamera. Denn die hat auch noch ganz andere Qualitäten, schon alleine der (echte!) optische Zoom wird noch lange ein Alleinstellungsmerkmal bleiben. Und vielleicht habe ich auch noch nicht alles hervorgebracht, was sie zu leisten im Stande ist. Aber am wichtigsten ist sicher, weiterhin auf meine Augen zu vertrauen. Denn diese müssen erst einmal die Szene erblicken, die es zu fotografieren gilt. Und die hat dann zum Glück doch nicht jeder, meinen ganz eigenen Blick auf die großen und kleinen Dinge in dieser Welt.

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