Hustekuchen #6

Dieses Wochenende ist nun auch für unseren Landkreis ein historisches, in diesem von historischen Ereignissen gefluteten Jahr. Es wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Da es schon lange keine Termine mehr gibt, die mich zu dieser Zeit noch aus dem Haus treiben, halten sich die praktischen Einschränkungen für mich in Grenzen. Ein seltsames Gefühl bleibt aber trotzdem, hört man von Ausgangssperren doch immer nur in den Nachrichten aus außer Kontrolle geratenen Krisengebieten.  Aber ein klein wenig sind wir das ja auch. Dafür geht es mir aber nach wie vor luxuriös gut, ich sitze im warmen Wohnzimmer, höre die neue Weihnachts-CD, die mir der Postbote vorbei gebracht hat, und habe Zeit und Nerv über die Ausgangssperre zu philosophieren.

Dennoch ist der Nerv empfindlicher geworden. Die Sehnsucht danach, Momente und Emotionen mit Menschen zu teilen, gemeinsam Sport zu machen, sich von live gespielter Musik berühren zu lassen – diese Sehnsucht ist gerade in der Adventszeit präsent. Doch das Virus wird sich nicht auf einen spontanen Weihnachtsfrieden einlassen, wie damals, 1914, an der Westfront – auch wenn man meinen könnte, einige Politiker haben im Herbst fest darauf spekuliert.

Die Corona-Welt scheint in vieler Hinsicht eine sehr kurzlebige zu sein. Der Herbst, September, Oktober, erscheint heute wie eine andere Welt, von der man dachte, sie sei noch irgendwie in Ordnung. Und auch der Ausbruch der Pandemie im Frühjahr erscheint – zumindest nach Infektionszahlen – heute ein bisschen verzerrt. Heute wird nicht mehr (so viel) über Sinn und Unsinn von Masken gestritten, es gibt durchgängig Klopapier zu kaufen und zu Weihnachten kann man sogar T-Shirts verschenken: “Klopapierkrise 2020 – Ich war dabei!“.

Die Klassifizierung der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in Stufen zwischen 0 und 50 scheint inzwischen etwas antiquiert, fallen doch nur 14 von 401 Städten und Landkreisen darunter. Die aktuelle Höhe der Infektionszahlen war im Frühjahr nicht auszumalen, genauso wenig wie die Aussicht auf ein anderes Weihnachtsfest.

Dies steht uns nun bevor, die Beschränkungen dafür wurden am Vormittag verkündet. Sie kratzen an unserer traditionellen Seele, ist doch kein Fest von so festen Riten, Vorstellungen und Erwartungen geprägt wie dieses. Doch ist gerade in dieser Situation eigentlich mal wieder die Frage nach dem Wesentlichen aufzuwerfen – nach den vielen Geschenken, die wir in unserem Leben haben, ohne dass sie unter dem Weihnachtsbaum liegen. Die Frage danach, was eigentlich Verbundenheit ausmacht, nicht nur zu den Menschen, die uns nahe stehen, sondern in unserer Gesellschaft und unserer Welt an sich.

Dann bleibt schließlich ein simple Essenz der diesjährigen Weihnachtsbotschaft übrig: Solidarität zu leben – und dafür kreativ zu werden.

One thought on “Hustekuchen #6

  1. Ines Schmidt

    Liebe Schrati,

    Du bringst die aktuelle Situation sehr schön auf den Punkt. Mir geht es ganz genauso. Die Idee mit dem Weihnachtsfrieden und der Vergleich mit der Westfront ist echt klasse.

    Hab noch einen guten Advent,

    Ines

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