Wir müssen reden.

Das ZEIT-Magazin druckte diese Woche einen Artikel, der so ganz nebenbei eine grundsätzliche Frage aufwirft: Wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen »normal« und »übergriffig«, wenn es um Annährungsversuche (von zum größten Teil Männern) in etwas seltsamen Konstellationen geht – im vorliegenden Fall eines Lehrers zu einer Schülerin. Meines Erachtens ließe sich die Antwort darauf oft leichter finden, wenn mehr darüber geredet würde – und vielleicht fiele dann auch ein angemessenes, selbstbestimmtes Handeln etwas einfacher.

Es war zuletzt vor einigen Wochen, als mir der Gedanke kam: wir müssen reden. Zum Beispiel über Penis-Bilder auf Whatsapp. Unangenehm, aber wichtig.

Eine mir unbekannte Nummer, Allerweltsprofilbild, schrieb mir neulich eine WhatsApp-Nachricht, Hi, wie geht’s. Da ich hin und wieder ähnliche Nachrichten von mir bekannten Personen auf Social-Media-Netzwerken erhalte, wollte ich nicht unhöflich sein und antwortete, kennen wir uns. Sehr bald hatte ich ungefragt ein noch verpixeltes, aber aufgrund der Nahaufnahme deutlich erkennbares Penis-Bild auf dem Display.
WhatsApp bot mir an, den Kontakt zu melden, das schien mir erstmal angemessen. Aus der äußerst unangenehmen Situation heraus nahm ich auch WhatsApps darauf folgendes Angebot »Blockieren und Löschen« direkt an. Dann schwieg ich erstmal.

Ich schwieg, weil ich dachte, ich sei ja auch ein bisschen selbst Schuld, schließlich hatte ich geantwortet. Ich schwieg, weil ich mich schämte, dass mir das überhaupt passiert ist. Ich schwieg, weil ich impulsiv alle »Beweise« vernichtet hatte.

Was mir nicht in den Sinn kam: Ungewollt Penis-Bilder zu erhalten erfüllt einen Straftatbestand, nämlich die »Verbreitung pornografischer Schriften« (§ 184 StGB). Schuld: Der Idiot mit dem Penis. Selbst Schuld: ein Pfeiler, auf dem sexualisierte Gewalt baut. Nüchtern betrachtet – Bullshit. Chat gelöscht: Hätte man vorher mal drüber reden sollen.

Nach ein paar Tagen haben ich das dann auch getan und bin nun fachlich und emotional für den nächsten Dickpic-Angriff gewappnet. Kurz darauf hatte ich die ganze Sache weggesteckt, vermutlich auch, weil ich keine 13 Jahre alt bin und nicht in einem pubertären Gefühlschaos stecke, was mich anfällig dafür machen würde, mich in solch einer Geschichte tiefer zu verfangen.

Es gibt aber genug 13- oder vielleicht auch 23-Jährige, die womöglich nicht mit einem emotionalen blaue Auge davon kommen. Daher: Redet mit den Jugendlichen darüber. Am besten bevor das ungefragte pornografische Material auf dem Smartphone landet, damit sie sich nicht wundern, warum sie das nicht toll finden, sondern wissen, dass es eine Straftat ist, die angezeigt werden kann – und an der sie keine Schuld haben.

Links zum Thema:
https://www.polizeifürdich.de/news/dickpics.html
https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/dickpics-nicht-ignorieren-sondern-anzeigen

2 thoughts on “Wir müssen reden.

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