Sigh no more

Seit ich vor ziemlich genau 20 Jahren zum ersten Mal diese eingängige, französische Antiphon zu Palmsonntag gehört habe – Hosanna, qu’il soit béni celui qui vient au nom du Seigneur – ist die Holy Week für mich eine Zeit, aus der die Musik nicht wegzudenken ist. Sei sie über die Jahre auch noch so unterschiedlich gewesen, ist sie ein so eindringlicher Träger von Botschaften und Worten, wenn sie nicht gar nur für sich selbst spricht – als eigene sinnliche Gotteserfahrung.

Zu den Antiphonen und Vigilate-et-orates haben sich unter anderem Rossinis fantasisch theatratlische Vertonung des Stabat Mater gesellt – Fac, ut ardeat cor meum in amando Christum Deum – aber natürlich auch der große Bach mit seiner Johannes-Passion – höre nicht auf, selbst an mir zu ziehen, zu schieben, zu bitten – und nicht zu vergessen die Matthäus-Passion, die eindrucksvoll verkündet, dass die Seele nicht tiefer fallen kann als das Continuo des Schlusschorals – Wir setzen uns mit Tränen nieder.

In den letzten Tagen erreichten mich zwei Links zu erstmal recht unterschiedlichen Inhalten, einem Gebet und einem  Konzert mit eher weltlicher Musik. Beides hat mich berührt und floss schließlich in eine sprichwörtlich tragende Botschaft für diese Kar- und Ostertage, in Worten und in Musik.

Der Zuspruch des Gebets ist denkbar einfach – hab keine Angst, ich bin da. So einfach, und doch berührt er tief, vielleicht gerade weil er ausgesprochen wird, ganz schlicht und ganz ehrlich. Er nimmt die Angst ernst, lässt sie da sein, aber er will ihre Macht brechen.

Das Konzert – kein Zuspruch, eher Aufforderung, Versprechen, Hoffnung – jedenfalls in meiner ganz, ganz eigenen Interpretation. Ich finde sie in Much Ado About Nothing. Shakespeare würde sich womöglich im Grabe rumdrehen. Aber Jesus ja zum Glück nicht.

In dem mir zugeschickten Konzertvideo singt der Chor ein episches Sigh No More, Ladies, Sigh No More aus der Feder von Patrick Doyle. Nach dem ersten Hören bleibt nur dieses Bruchstück des Textes hängen: »Sigh no more, lady, sigh no more«, untermalt von einer wahnsinnig mitreisenden, fröhlichen Musik eines Happy Ends, das sich weniger nach Ende, als nach einem hoffnungsvollen Neuanfang anfühlt. Meine Gedanken verkürzen »Ladies« zur »Lady«, mit aller ihr innewohnenden Stärke und Verletzlichkeit, und so erhält die Botschaft plötzlich eine umwerfend persönliche und würdevolle Ansprache. 

Sigh no more, lady, sigh no more – egal, in welchen Kontext Shakespeare sein Gedicht eingebettet hat (und der ist definitiv ein ganz anderer), mit diesen Worten als Auftakt spricht die Musik zu mir ihre ganz eigene Sprache: Seufze nicht mehr, ich bin da. Ich helfe dir Tragen.

Die Erwartung der Erneuerung mit neuen Worten und neuer Musik, Träger der tragenden Botschaft – mit Angst, die nicht alleine bleibt, mit Last, die nicht alleine zu tragen ist. Béni celui qui vient au nom du Seigneur.

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