Bunt geschaffen

Die treuen Leser*innen dieses Blogs wissen, dass ich es meist nicht lassen kann, mich zur kirchlichen Regenbogen-Thematik zu äußern, auch wenn es sich sicherlich um eine Nischen-Kombination handelt. Vielleicht aber auch gerade deswegen.

Ende Januar trat das Thema aus der Nische in die Primetime – einige Tage früher als eigentlich geplant. Die ARD nutzte wohl die Gunst der Stunde, um im Schatten bzw. im Licht der neuen Missbrauchsverstrickungen der katholischen Kirche die Dokumentation Wie Gott uns schuf der Aktion #outinchurch auszustrahlen. Und Ausstrahlung ist hier sicher ein treffender Begriff.

Wie Gott uns schuf ist das gemeinsame Coming out von 125 Menschen, die sich sowohl zur katholischen Kirche als ihrer Arbeitgeberin bekennen, als auch dazu, L oder G, T oder B, I, oder Queer zu sein – viele davon erstmals öffentlich. Sie hoffen darauf, dass die Öffentlichkeit der Dokumentation sie schützt: Mit ihrer Identität, die der Katechismus als nicht von Gott geschaffen ansieht, verstoßen sie gegen Loyalitätsversprechungen der Kirche gegenüber und können damit in unserem Land mit legalen arbeitsrechtlichen Konsequenzen bis hin zur Kündigung rechnen. Oder sie haben diese bereits hinter sich. Gegen diese Angst erheben sie ihre Stimme.

Die Dokumentation berührte mich tief und wirkte lange nach, auch wenn ich selbst eine evangelische Lohnsteuerkarte und einen kirchen-ungebundenen Gehaltszettel habe. Alleine die Worte des Titels, Wie Gott uns schuf, pendeln in mir immer wieder zwischen Feststellung und Frage – dass bzw. ob das mit dem Regenbogen von Gott genauso gemeint ist. Ich habe die ein oder andere Träne weggewischt angesichts der Zeugnisse, die manche in den Interviews ablegen. Sie sind lebendig, leidenschaftlich und voller Liebe für das Leben. Es sind 125 extrem mutige Schritte, Schritte ins Licht.

Natürlich kann man sich fragen, warum um Gottes Willen diese Menschen ihrer Kirche nicht den Rücken kehren (die Dokumentation stellt diese Frage im Übrigen nicht). Ein übergewichtiger bayrischer TV-Pfarrer würde wohl sagen: Um Gottes Willen. Mir ist diese Argumentation in meinem Bekanntenkreis schon oft begegnet, warum Mitglied einer Kirche sein, die mich nicht so akzeptiert, wie ich bin? Vielleicht, weil die daraus resultierende Heimatlosigkeit auch kein kleines Übel ist. Vielleicht, um selbst daran mitzuwirken, eine Kirche zu gestalten, die anders und mehr ist als die Mächtigen, die das Evangelium doch sehr selektiv mit Leben füllen. Und vielleicht glauben sie daran, dass es da eigentlich noch jemand anders gibt, die*der die wirklichen Regeln macht. Vielleicht auch von allem ein bisschen.

Auch wenn der katholische Kontext die Fallhöhe der Queeren beträchtlich steigert, steckt in #outinchurch letztlich auch ein #outatwork. Alleine das wären mutige Schritte gewesen. Denn wer sich am Arbeitsplatz outet, öffnet eine Flanke, macht sich verletzlich. Und die Wahrscheinlichkeit, von kleinen unbedachten Äußerungen oder großen Fehltritten tatsächlich verletzt zu werden, ist immer noch ziemlich hoch.

#outinchurch kämpft für eine Kirche ohne Angst. Da besteht noch mächtiger Aufholbedarf. Gleichzeitig wirkt die Kampagne aber auch über die Kirche hinaus, sie ist ein Schritt zu mehr queerer Sichtbarkeit in der gesamten Gesellschaft. Sichtbarkeit von Menschen, mit ihrer Liebe zu sich selbst oder einem anderen Menschen zu strahlen. Für diese Ausstrahlung bin ich de Aktion dankbar!

One thought on “Bunt geschaffen

  1. Hallo Schrati, eine Kirche ohne Angst sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, zumindest in meinen Augen. Hoffentlich wird es eines Tages so sein und nicht nur in Theorie. Liebe Grüße, Dario 🙂🕊️

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