Wenn nichts mehr geht – Cammino #5

Unser Hotel in Stia hat uns heute morgen zum Frühstück in Café neben verwiesen, sodass es wieder ein typisch italienisches Frühstück gab – diesmal allerdings ohne die Pizzaoption, sodass ich die Etappe mit anderthalb Croissants im Magen beginne.

Das Wetter meint es wieder extrem gut mit uns und wir starten deutlich früher als die vergangenen Tage, um halb neun, denn die Strecke soll es in sich haben. Gleich zu Beginn geht es wieder bergauf. Ich jammere, bis ich den ersten blühenden Baum fotografiert habe, dann ziehen wir in Frieden weiter. Ein paar Minuten später steigt plötzlich ein anderer Pilger aus einer verlassenen Ruine. Wir sind erstmal etwas schüchtern, nachdem wir aber gemeinsam einen Stacheldraht überwunden haben, beschließen wir, ein Stück gemeinsam des Weges zu gehen und freuen uns über die nette Bekanntschaft, mit der die Zeit wie im Fluge vergeht.

Mit dem italienischen Frühstück im Bauch schaffen wir den langen, steilen Anstieg bis fast ans Ende, der Ehrgeiz fordert den Hunger ganz schön heraus. Und der Berg den Körper. Wir finden einen tollen Platz in der Sonne inmitten dieser tollen, sehr mediterran angehauchten Landschaft. Auf die Mittagspause freue ich mich immer ab dem ersten Schritt am Morgen. Ich bin gespannt, wie viel kalte Pizza ich bis Assisi verdrückt haben werde.

Nach dem Essen führt der Weg auf die Nordseite des Bergs, wo es nicht weniger mediterran sein könnte – es blühen wieder die Krokusse, wir laufen durch Schnee und könnten jetzt auch irgendwo in Mitteldeutschland sein. So geht es bis zur Eremo Camaldoli, einem Kloster, in dem Franziskus sich länger aufgehalten haben soll und noch heute Benediktiner leben. Der Gedanke eines religious lifes übt eine Faszination auf mich aus, aber es ist auch ein Ort, der mir zum Leben seltsam erscheint, mit vielen Mauern und einer Enge ausstrahlenden Kirche.

Wir kommen nach ca. 15 Kilometern bei der Einsiedelei an, meiner scheinbar physischen und mentalen Grenzen zum fröhlichen Pilgern. Ich wünsche mich in eine Badewanne, aber der Weg zwingt einem immer wieder eine simple Wahrheit auf: es gibt hier keine Badewannen. Und zur heißen Dusche, ein würdiger Ersatz, gibt es nur eine einzige Möglichkeit: einen Schritt vor den anderen setzen, gerade dann, wenn es nicht mehr zu gehen scheint. Wenn nichts mehr geht, dann geh – das scheint gerade hier für viele ein Weg zu sein.

Genau in diesem Moment taucht Robert wieder auf, er war in seiner Mittagspause eingeschlafen und deshalb hinter uns. Wir hatten gehofft, ihn nochmal zu sehen, und laufen nach Besichtigung des Klosters gemeinsam die letzten Kilometer ins Tal. Für heute gibt es noch eine zweite Wahrheit: mit einer guten Unterhaltung lassen sich auch Kilometer 15 bis 18 problemlos bewältigen.

Den Abend verbringen wir wieder in Gesellschaft – es tut gut, diese Menschen kennenzulernen, ihre Motivationen, Gedanken und Erfahrungen zum Pilgern zu hören, die unterschiedlichen Vorhaben, das genießen des gemeinsamen Moments, denn wir wissen alle nicht, ob wir uns am nächsten Tag oder überhaupt noch einmal wiedersehen.

4 thoughts on “Wenn nichts mehr geht – Cammino #5

  1. Hallo Schrati, das ist eine interessanter Pilgerweg, den ich auch spannend finde. Ein Freund wollte Mal nach Rom pilgern, evtl. laufe ich ein Stück mit. Bin neugierig, was du noch alles berichten wirst. Noch einen guten Weg dir, LG Dario 🙂🕊️🥾🥾

    1. Hallo Dario, ich kann dir den Weg nur empfehlen, er ist wirklich wunderschön! Ich hoffe, dass wir auch noch den Teil nach Rom erleben werden. Liebe Grüße 🙂

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