Pilgerblues – Cammino #6

Die vierte Etappe nach Bada Prataglia sollte eigentlich ein Spaziergang werden – 8 Kilometer, unter 500 Höhenmeter, ein Klacks. Wir haben in Camaldoli übernachtet, einem kleinen Klosterdorf, in der es neben dem Kloster eigentlich nicht mehr als die Albergo gibt.

Vor dem Frühstück besuchen wir die Laudes der Brüder, die eine halbe Stunde später anfängt als angeschlagen. Aufgrund des bevorstehenden Spaziergangs ist das nicht dramatisch, aber ich merke, dass mich schon Kleinigkeiten aus dem Konzept bringen. Ich versuche mich trotzdem auf die Zeilen im Stundenbuch einzulassen, die ich verstehe: Mi guida per il giusto cammino. Du führst mich auf dem rechten Weg.

Mit vielen Erinnerungen an in der Karwoche gesungene Laudes laufen wir nach einem guten Frühstück gemeinsam mit Bettina los, und es wird schon nach wenigen Metern schwierig mit dem rechten Weg. Der Cammino ist gesperrt, Erdrutsch. Die Umleitung ist eingerichtet, durch einen falschen Blick auf die Karte kommen wir jedoch recht bald vom rechten Weg ab. Es geht abenteuerlich über umgestürzte Bäume bzw. darunter hindurch und es dauert eine Weile, bis wir merken, dass der im Pilgerführer beschriebene sehr knackige Anstieg irgendwie ausbleibt.

Auch das ist eigentlich nicht schlimm, aus Umleitung wird Umweg, aber in die richtige Richtung, und so wird der Spaziergang eben zur ordentlichen Etappe. Unseren knackigen Anstieg bekommen wir auch noch, doch irgendwie bleibe ich aus der Bahn geworfen. Die Füße tun weh, alles andere ist müde, extrem müde, und bis wir in Bada Prataglia ankommen, komme ich aus dem Pilgerblues nicht mehr raus. Trotz Sonnenschein und toller Umgebung.

Unsere Unterkünfte hatten wir alle bereits im Januar gebucht, so auch diese, welche damals in diesem Ort die einzige war. Nachdem wir schon schlimme Geschichten von einem Hotel in Consuma gehört hatten (Miramonte), wird es heute bei uns ein wenig gruselig. Ein düsterer, fies nach Rauch riechende Flur, auch die Handtücher muffen stark, das Bad haben wir beim Duschen schnell geflutet, der Mann mit dem Schlüssel sehr wortkarg. Da muss wohl jeder Pilger mal durch, wir versuchen es mit Humor zu nehmen und belohnen uns mit einem leckeren Cappuccino, schließlich sind wir trotz Umweg und nur 13,5 Kilometern sehr früh am Ziel.

Beim Abendessen im Dorf mit Bettina kommt wieder die Frage auf, was die Pilger von den Wanderern unterscheidet. Sich auf alles einzulassen. Auf ein stinkendes Hotel zu einem dafür zu hohen Preis. Auf die Begegnung mit Menschen, die angenehmen und vielleicht auch die schrägen (in Wahrnehmung der eigenen Grenzen). Darauf, sich führen zu lassen auf dem giusto cammino, auch wenn man selbst nicht so genau weiß, wo der eigentlich langgeht.

Heute fiel es mir schwer. Ich hoffe, das mit dem rechten Weg klappt morgen wieder besser. Und mit der Führung bzw. dem sich darauf Einlassen. Und vielleicht auch das mit den Füßen und Beinen.

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