Karfreitagsetappe – Cammino #7

Seit gestern Abend sind wir in La Verna und genießen einen wundervollen Pausentag, der nötig ist und wahnsinnig gut tut. La Verna war für mich das große Ziel dieser Woche, der vielleicht franziskanischste Ort unseres Weges, ein Moment zum Ausruhen.

Doch der Weg hier her ist lang. Der Pilgerführer warnt, man solle sich nicht zu früh freuen, die letzten Kilometer hätten es in sich. Wir sind sehr froh, aus der Muff-Pension aufzubrechen, das Frühstück ist selbst für italienische Verhältnisse überschaubar. Joghurt, ein Viertel Croissant für jeden, zwei Stück Zwieback. Das Brötchen sieht nicht sehr genüsslich aus und bleibt eingeschweißt. Dennoch schaffen wir es mit dem Frühstück verhältnismäßig weit und überwinden zwei Anstiege mittlerer Kategorie.

Wir laufen heute alleine. Robert ist schon in Camaldoli auf eine andere Route Richtung La Verna aufgebrochen und Bettina hat beim Pellegrino Support Service den Gepäcktransport gebucht. Sie fährt heute ein Stück mit ihrem Koffer mit. Zur Mittagspause haben wir schon über die Hälfte des Weges geschafft, durch Wald und dann wieder eine ganze andere, dürre Landschaft. Die Sonne scheint so heiß, wie sie es im April kann, es fühlt sich schon schwer nach Sommer an.

Der Pilgerblues ist weitgehend verflogen. Doch so langsam etablieren sich einige kleine Fußleiden, geschwollene Zehen, erste Blasen an den Fersen. Alle Versuche, mit Blasenpflastern oder so sonstigem Tape zu arbeiten, scheitern, es hält dem Klima im Schuh nicht stand und verrutscht ständig. Nach einem langen steilen Abstieg nach Rimbocchi glühen meine Füße.

In dem Ort müssen wir einen kleinen Fluss überqueren. Der Pilgerführer schreibt, wenn man Glück habe, führe er kein Wasser, da es keine Brücke gibt und man hindurch laufen muss. Als unser Glück stellt sich heraus, dass der Fluss Wasser führt, wadenhoch. Alleine der Vorstellung, meine Füße abzukühlen bin ich selig. Wir ziehen unsere Schuhe aus und laufen durch den eiskalten Fluss. Auf der anderen Seite bleiben wir noch einen Moment sitzen. Ich kann nicht aufhören, mir das kalte Wasser ins Gesicht zu klatschen, die Abkühlung tut so unglaublich gut.

Ein Vorbote der Auferstehung, bevor der Karfreitagsaufstieg beginnt.

Und der hat es in sich. Vier Kilometer, nicht selten mit 30 % Steigung, es fehlt nicht mehr viel zum Krabbeln. Doch der Weg ist schöner als alles, was wir an diesem Tag gesehen haben. Die Bäume treiben aus und bringen frisches, lebendiges Grün in den Wald. Ich habe unser Etappenziel fest im Kopf und freue mich über den Weg dorthin. Der Rucksack ist mittlerweile ein fester Begleiter geworden, meine Füße spüre ich nicht mehr (besser ist das), meine Beine werden mit jedem Schritt schwerer, aber der Kopf kann heute Nachmittag vieles ausgleichen.

Doch der Anstieg nimmt kein Ende, wie prophezeit. Auf der Karte bewegen wir uns kaum, kein Gipfel oder Kloster in Sicht. Wir überqueren schließlich eine Straße, die nach La Verna führt, es kann nicht mehr weit sein. Der Anstieg geht weiter und führt in einen magischen Wald, voller großer, bemooster Steine, mit Grün überzogene Lichtungen und einer ganz mystischen Aura. Es ist unbeschreiblich. Und dennoch: weiter bergauf, kein Ende in Sicht.

Wir erreichen schließlich eine riesige Felswand, auf der wir in ca. 80 Metern Höhe Fenster und Dächer erkennen können. Wir sind fast da.

Im Kriechtempo gehen wir den alten gepflasterten Weg nach oben und treten schließlich völlig erschöpft durch die Klosterpforte auf den großen Platz vor der Basilika. Während wir von der Wucht der Anlage, die sich da im Fels aufgetan hat, völlig überwältigt sind, sitzt plötzlich Robert in der Sonne und begrüßt uns herzlich. Er war bereits mittags hier angekommen. Ich bin so dankbar, ein “vertrautes” Gesicht zu sehen. Er führt uns durch die Gänge des Klosters zur Rezeption des Gästehauses, wo wir den Schlüssel zu einem warmen, sauberen Doppelzimmer erhalten, für zwei Nächte, mit drei Mahlzeiten am Tag. Der pure Luxus, es ist für alles gesorgt.

Ich bin völlig erschöpft und überglücklich, endlich hier zu sein,an einem Ort, der sich sehr besonders anfühlt und eine so lange Geschichte hat. Francesco hat hier die ersten Hütte und Kapellen errichtet, aus denen das Kloster entstand, er hat hier den Grundstein für seinen Orden gelegt, er soll hier Christus begegnet sein und sich mit ihm verbunden haben.

Für das erste bin ich angekommen. Der Weg nach La Verna hat alle Kraft gekostet, die wir hatten. Es scheint, als könne man nicht anders, als auf diesem Weg zu sich selbst zu kommen, der ringt einem alles ab, man kann nicht anders, als man selbst sein, muss alle Masken fallen lassen, um weiter einen Schritt vor den anderen zu setzen. Im Vertrauen darauf, genau so wunderbar geschaffen zu sein.

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