Motivationsschub – Cammino #9

Gestern Abend wussten wir nicht genau, ob wir das heute alles schaffen, nachdem wir uns durch den Sturm, die Kälte und alle möglichen Unwägbarkeiten gekämpft hatten. Schließlich sind wir nach 27 Kilometern auf unserer siebten Etappe in Sansepolcro angekommen.

Das Frühstück im Hotel San Stefano ist großartig, italienisch-kontinental. Wir freuen uns über Brot und Müsli, die kleinen Dinge. Dazu frisches Gebäck und ein für uns belegtes Panini für die Mittagspause. So gut versorgt sind wir nicht immer gestartet. Heute dürfen wir wieder Schönwetterpilgern bei strahlendem Sonnenschein. Zwar ist da der Anspruch, auch das schlechte Wetter freundlich auf unserer Reise zu empfangen, da wir aber einfach den ganzen Tag draußen sind, muss ich sagen: wie realistisch ist das denn?! Natürlich geht das alles einfacher, wenn die Sonne scheint. Also: genießen.

Und das tun wir. Heute liegt eine der langen Etappen vor uns, gut 25 Kilometer laut Pilgerführer, wir haben großen Respekt. Doch dann läuft es erstmal wie von selbst. Die drei kleineren Berge geht es allesamt sanft hinauf, wir haben alle Steigungen und die Hälfte der Strecke bis zum Mittag geschafft. Ich kann mein Glück kaum fassen, nachdem ich gestern in schwer zerstörtem Zustand eingeschlafen bin. Es läuft sich leicht und ein wenig spirited, sowohl in den Beinen als auch im Herzen.

Heute begegnen wir auch wieder einigen Pilgern, aber die Begegnungen bleiben kurz. Eine Österreicherin ist ohne GPS unterwegs – das ist und bleibt mein Nr. 1 Pilgertipp: macht das nicht!! Die Wege sind zwar einigermaßen gut ausgezeichnet, doch wie sagt man so schön – viele Wege führen nach Rom. Doch da wollen die meisten gar nicht hin. Und bis dahin gibt es auf jedem Fall immer noch viele Möglichkeiten, sich zu verlaufen.

Insgesamt ist es heute ein toller Weg – die Landschaft ist sehr toskanisch, es geht an einem Stausee vorbei, es ist abwechslungsreich. Wir sind vollends im Frühling angekommen, überall blüht und duftet es, zum Eintauchen. Nach der Mittagspause mit Blick auf den See wird es dann nach etwa einer Stunde komplett flach, ein völlig neues Erlebnis. Und das Erlebnis wird lang. Die letzten Kilometer nach Sansepolcro ziehen sich, die Füße brennen und ich frage mich mal wieder, ob der Mensch für diese Strecken gemacht ist. Sicher war er es mal.

Kurz vor dem Ende des Weges – und unserer Kraft – spricht uns ein älteres Paar an, wir verstehen kaum ein Wort. Aber sie sind sehr begeistert uns zu sehen, die Pilger, und wünschen uns mehrfach alles Gute und viel Freude. Danach kriege ich kaum noch das Lachen aus meinem Gesicht.

Die Sonne, die Landschaft, der Motivationsschub am Ende – wir haben genau das bekommen, was wir für die 27 Kilometer gebraucht haben.

Im Hotel stehen eine Reihe selbst gebackener Kuchen für das Frühstück am nächsten Morgen bereit. Zur Belohnung für den langen Weg bestellen wir uns Kaffee und Osterkuchen auf das Zimmer, der pure Luxus. Wir bekommen den Kopf der Taube (hier backt man Taube statt Lamm) Es ist ja schließlich auch noch Feiertag.

2 thoughts on “Motivationsschub – Cammino #9

  1. Ines

    Liebe Schrati, ich möchte hier einen spontanen (und ziemlich egoistischen) Wunsch gern mit Dir teilen:
    Bitte lauft noch ganz lange auf Eurem Pilgerweg weiter, denn dann habe ich noch ganz lange die große Freude, am Abend von Dir zu lesen! 😉
    Ganz liebe Grüße und einen weiteren guten Weg, Ines
    PS: Seid gut behütet, begleitet und geleitet.
    PPS: Cristo e risorto!

    1. Liebe Ines, vielen Dank, das freut mich sehr! Wir würden jetzt ehrlich gesagt auch gerne noch bis Rom laufen (Waschsalon vorausgesetzt), aber ich fürchte, wir müssen erst nochmal heim. Aber auch da hört der Pilger weg ja nicht auf – it’s a pilgrimage of trust, they say… 😉 Liebe Grüße 🙂

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