The Spirit of Welcome – Cammino #10

Wir haben die erste Hälfte dieser Woche geschafft mit ihren vielen langen Etappen. An einem Tag, an dem ich mich auf einem ziemlich niedrigen Energielevel befinde.

Ich wache schon mit Kopfschmerzen auf, die zum Glück im Laufe des Vormittags verschwinden werden. An unserem Ruhetag hatte ich bereits einen eintägigen Ermüdungsschnupfen, mehr kann ich echt nicht gebrauchen. Die Schwerkraft ist heute sehr stark. Der Rucksack hatte sich in den letzten Tagen schon mal leichter angefühlt, und das liegt nicht nur an unserem Einkauf im Supermarkt, bei dem wir uns mit Obst, Nüssen und Oliven versorgen.

Wir laufen bei schönstem Wetter in Sansepolcro los. Es ist ein sehr nettes Städtchen, von dem wir aber leider nicht viel sehen, da wir einen weiten Weg vor uns haben. Schon nach kurzer Zeit begleitet uns wieder der Ruf des Kuckucks, den wir bisher an wirklich jedem Tag gehört haben. Der Weg führt uns zunächst bergauf, ein knackiger Anstieg zur Einsiedelei Montecasale. Laut Pilgerführer dauert er ca. zwei Stunden, und wir hoffen, vor 12 Uhr oben zu sein, wenn das Eremo schließt. Wir schaffen es knapp, ich bin schweißgebadet.

Montecasale ist ein kleines Klösterchen, in dem einige wenige Kapuzinermönche leben. Es war eine der bedeutendsten Einsiedelein der franziskanischen Zeit. Den Eingang der Kirche finden wir tatsächlich erst nach 12 Uhr, er ist aber noch offen und wir werden herzlich von einem älteren Bruder begrüßt, der uns in alle Ecken der Kirche schickt und möchte, dass wir uns alles anschauen, alles auf uns wirken lassen. Es ist sehr klein und verwinkelt, Kapellchen und ein Innenhof, aber wunderschön. Zuletzt öffnet der Bruder uns noch die Tür neben dem Altar, dahinter ist ein kleiner Raum mit kleinem Chorgestühl für eine Handvoll Brüder. Ein großes, altes Stundenbuch ist in der Mitte des Raumes aufgestell. Ein ganz besonderer Ort. Ich setze mich einen Moment, in dem die Anstrengung des Aufstiegs, in dem die Schwerkraft vergessen ist. Ich bin einfach nur da, gehalten, aufgehoben.

Wir verabschieden uns von dem Bruder und gehen berührt von dieser Begegnung noch ein bisschen weiter nach oben, schaffen fast den gesamten Aufstieg vor der Mittagspause. Die Aussicht ist großartig, die Oliven lecker.

Abgesehen von ein paar Pilgern in Montecasale bleiben wir heute wieder alleine. Manchmal finde ich das schade, zumal alle Pilger unterschiedliche Wege zu gehen scheinen, doch ich denke, wir werden zum richtigen Zeitpunkt wieder auf ein paar nette Menschen treffen.

Der Weg nach Lama führt mal flach, mal steil bergab, ist aber insgesamt gut zu gehen, mit teilweise großartigen Ausblicken. Trotz des leichten Weges muss ich heute aber ganz schön kämpfen, heute läuft nichts von alleine.

Nicht alleine laufen – gerade in diesen Momenten bin ich zutiefst dankbar, dass ich meine Frau an meiner Seite habe, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen können. Sie motiviert mich, noch bis zum Agriturismo in Lama durchzuhalten, wo wir herzlich mit Kaffee und Gebäck begrüßt werden.

Es sind diese Momente, die heute am meisten berührt haben: Momente, in denen wir auf teilweise sehr einfache Art willkommen geheißen wurden, mit wenigen Worten, mit schönen Gesten und vor allem mit sehr viel Herz.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s