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»Die Liebe ist der Herzschlag des gesamten Universums«

La Traviata Probe II

Es muss ihm wichtig sein, wenn er sagt „ich weiß, dass Sie das alle wissen“ und die Geschichte trotzdem erzählt.

Der Maestro nutz die kurze Pause, um sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn zu wischen und beginnt mit seiner kurzen Lektion zur wahren Geschichte hinter La Traviata, mit einem Ernst in der Stimme, die eine Betroffenheit vom Schicksal einer jungen Frau spüren lässt, deren Geschichte, deren Verletzungen und deren Glück heute kein Stück an Aktualität eingebüßt haben.

Die historische Vorlage der vom Wege abgekommenen biete Marie Duplessis, eine adelig klingende Namensfassade der unter erbärmlichen Verhältnissen in der Normandie geborenen Alphonsine Plessis.

Mit dem Taschentuch trocknet er wieder den Schweiß auf seiner Stirn und erzählt von dem Mädchen, sie sei in Armut aufgewachsen und bereits als Kind sexuell missbraucht worden. Seine Stimme lässt erahnen, er lege damit den Schlüssel für das Verstehen von Violettas Seele frei und spanne die emotionale Dimension dieser Geschichte auf.

"Die Liebe ist der Herzschlag des gesamten Universums" La Traviata im Stadttheater Gießen Foto: Rolf K. Wegst

»Die Liebe ist der Herzschlag des gesamten Universums«
La Traviata im Stadttheater Gießen (noch bis April 2017)
(Photo: Rolf K. Wegst)

Irgendwann habe sie ihre Schönheit entdeckt und wie diese sie aus ihrem miserablen Leben befreien könne. Sie sei nach Paris gegangen und habe sich dort einen Namen als Kurtisane diverser gewichtiger Herren gemacht. Dabei sei sie – natürlich – erkrankt. Sie habe sich schließlich verliebt, diese Seele, die sich an so viele Männer verkauft hatte, habe zum ersten Mal begonnen, unschuldig und rein zu lieben. Schließlich sei sie, schwindsüchtig wieder in der Armut gefangen, ihrer Krankheit erlegen, mit gerade mal 23 Jahren, während vor der Tür bereits die Gerichtsvollzieher warteten – ihren Tod erwarteten, um aus ihrem mit ihrer Aura behafteten Hab und Gut märchenhafte Profite zu schlagen. Heute liege sie auf dem Pariser Friedhof Montmatre begraben.

Die Geschichte der Traviata, vom Wege abgekommenen, sie handelt von der Liebe, die an einem Fleck in Violettas Seele keimt, der von allen Verletzungen geschützt worden war und ihr Heilung bringt. Leider vermag sie keine sozialen Konventionen zu durchbrechen, sodass sie letztlich an diesen selbst zerbricht.

In der Tragik und Dramatik unausweichlich mitreißend, doch am Ende steht nicht der Tod, sondern die Fähigkeit, trotz aller Verletzungen unschuldig und rein lieben zu können – wenn auch gefangen in den Unzulänglichkeiten des menschlichen Daseins, die Violetta der Einsamkeit überlassen.

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Ohrenzeuge

La Traviata-Probe I

Wie das Entsetzen nahbar machen, wenn die Musik noch zu lieblich erklingt, zu flach, zu alltäglich?

Der Maestro unterbricht und beginnt mit seiner weichen, tiefen Stimme gefasst, aber ernst zu sprechen. Da sei das ein Festival in Nürnberg gewesen, im Sommer, mit diesem Konzert in Ansbach, an diesem einen Tag. Er habe vor dem Festival-Gelände gestanden und ja auch nicht gewusst, wie es sich anhöre, wenn eine Bombe explodiere. Einen dumpfen Knall habe es getan, etwa 100 Meter entfernt. Erst die Vermutung, das sei vielleicht ein Teil der in der Nähe stattfindenden Bühnenshow. Dann aber hätten sich die Gesichter der Menschen verändert, die Fröhlichkeit sei weißen, leeren Blicken gewichen. Ein Selbstmordattentäter hatte sich in die Luft gesprengt.

Ein solches Entsetzen sei, das in La Traviata erklingen solle.

Zum ersten Mal einen Ohrenzeugen des Terrors gehört.

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Testosteronbefreiter Tango

Bodo Warte & The Capital Dance Orchestra: Swingende Notwendigkeit (Foto: Carsten Dapper)

Bodo Warte & The Capital Dance Orchestra: Swingende Notwendigkeit (Foto: Carsten Dapper)

Manchmal ist es doof, wenn Künstler sich weiterentwickeln, weil sie dann nicht mehr unbedingt das tun, was man die ganze Zeit so großartig an ihnen fand. Dann muss man sich entweder mitentwickeln, oder sich einen neuen Rock-Star/Kabarettisten/Schauspieler suchen. Auch bei Bodo Wartke hatte ich große Angst davor. Denn Bodo machte immer grandiose Kunst. Alleine am Klavier, die Reduktion auf das Wesentliche, intelligenter Humor eines unschuldig wirkenden, talentierten Pianisten, der aus “Klavierkaberett” alles rausholt, was drinsteckt.

Bei “Klaviesdelikte” erwischte ich mich das erste Mal mit einem skeptischen Blick, als Bodo Ukulele spielte oder dem Klavier mit einer Hand untreu wurde, um Percussion-Instrumente zu bedienen. Daher beäugte ich auch die Idee der “Swingenen Notwendigkeit” zunächst skeptisch, da ich nicht wusste, ob ich die vom Künstler geforderte Entwicklung im Stande war mitzugehen. Dann bekam ich allerdings Karten geschenkt und die Skepsis wurde sehr schnell von größter Vorfreude verdrängt, schließlich kann man bei Bodo Live ja prinzipiell nur alles richtig machen.

Und es stellte sich raus – richtiger geht’s gar nicht. Bodo bot einen bunten Ritt durch seine bisherigen Programme, geführt von The Capital Dance Orchestra unter der Leitung von David Canisius, das von Bodo mit immer neuen musikalischen Herausforderungen beauftragt wurden. Sie spielten alles von Swing über Walzer, Ching Chang Chong, testosteronbefreitem sowie -geladenem Tango und Piano-Salsa bis zu einer Heavy Metal-Einlage alles, was Bodos Stücke und eine für das Programm neu komponierte swingende Notwendigkeit hergeben.

Als Fan hatte ich es damit recht einfach: es gab allerhand bekanntes Liedgut in quasi der XXL Version – sozusagen Dance Music Cabaret Deluxe. Und da Bodo nun nicht mehr an seinen Klavierhocker gefesselt war, tanzte er beeindruckend, stilsicher und gut gelaunt durch das musikalische Programm, ohne dass ein Kernelement – Humor, Intelligenz, gute Musik und viel Talent – auf der Strecke geblieben wäre. Zwar wirkte die nur halb besetzte Siegerlandhallte beim Mitswingen am Anfang recht behäbig, doch das bin ich ja gewohnt – Schunkeln und fasziniertes Dauergrinsen in Mitten versteinerter Minen (wobei ich an dem Abend damit wirklich nicht alleine war und das Publikum dann recht bald auftauchte).

Wirkungsvoll untermalt wurde das Musikfest von einer fein ausgeklügelten Lichtregie, die beim romantischen Highlight “90 Grad” in liebesrötlicher Saalverkleidung gipfelte. Gott sei Dank habe ich mir das nicht als Single angetan, ich wäre vor Sehnsucht zerschmolzen. Jetzt musste ich nur aufpassen, dass ich die Hand, die ich in der Hand hielt, nicht vor Freude zerquetschte.

Einziges störendes Element in der zweiten Hälfte des fast dreistündigen Programms: Die zwei rotgekleideten Backgroundsängerinnen, die nicht so ganz in das musikalische Erlebnis passen wollten und deren Inszenierung die Frau an sich doch etwas auf das Banale zu reduzieren schien. Die beiden hatte das Programm nicht nötig und ich hoffe, dass Bodo mir diese Entwicklung, die meines Erachtens künstlerisch wenig Mehrwert brachte, nicht aufzwingen wird. Doch die Kostprobe auf die Zukunft machte Mut – ein Stück aus dem neuen Soloprogramm.

Bis dahin und in Zukunft immer wieder gerne ein Bodo-Capital-Dance-Orchestra-Erlebnis!

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»Die Tugend der Araber ist die Barmherzigkeit«

Diese Zeile aus Temistocle Soleras Libretto zu Emilio Arrietas Oper »La conquista die Granata / Die Eroberung von Granada« (inszeniert von Cathérine Miville am Stadttheater Gießen) war mir eine der einprägsamsten – wohl auch angesichts dessen, wie die arabische Welt spätestens seit 9/11 in den Medien porträtiert wird.

Granada spielt zur Zeit der Reconquista – Königin Isabella strebt an, die Belagerung Spaniens durch die Mauren zu beenden und die Alhambra einzunehmen. In diesem Kontext ereignet sich die obligatorische Liebesgeschichte zwischen den verfeindeten Lagern. Zulema, die Schwester des maurischen Herrschers, und Gonzalo, der christliche Edelkrieger, werden am Ende glücklich unter dem Kreuz vereint und die Alhambra an Isabella übergeben. Es ist schwer auszumachen, wer in dieser Geschichte die Guten und die Bösen sind. Das Happy End mag dabei etwas irreführend sein, läutete Eroberung von Granada 1492 doch die spanische Inquisition und die Verfolgung der Juden ein – eine thematische Rückbesinnung auf den Beginn der Spielzeit, zu dem Ab heute heißt du Sara zu sehen war.

Happy End: Das vereine Paar, Königin Isabella, marusiches Heeresführer umringt von christlichen Kriegern. Foto: Rolf K. Wegst

Happy End: Das vereinte Paar, Königin Isabella und maursiche Heeresführer umringt von christlichen Kriegern. Foto: Rolf K. Wegst

Einen Hinweis auf Gut und Böse gibt das Bühnenbild: die christliche Baustelle Santa Fè erscheint in einem kühlen silber-grau, wohingegen die farbenfroh ins Licht gesetzten arabisch angehauchten Wandverzierungen immer wieder aufs Neue zum Träumen und Genießen einladen. Nicht zuletzt werden die Räume auf der Drehbühne durch eine Wand getrennt, in die die Worte der Grabinschrift Isabellas gestanzt sind. Eine Grabinschrift, die Isabella und ihren Gemahl Ferdinand als »Vernichter der mohammedanischen Sekte und Auslöscher der ketzerischen Falschheit« feiert.

Giuseppina Piunti als Isabella - Auftritte, denen man sich nicht entziehen kann! Foto: Rolf K. Wegst

Giuseppina Piunti als Isabella – Auftritte, denen man sich aukustisch und visuell nicht entziehen kann (was ich auch gar nicht will^^)  Foto: Rolf K. Wegst

Vielleicht geht es aber auch gar nicht so sehr um Gut und Böse. Das von der Kritikern als langweilig empfundene Libretto gibt Raum, sich auf die Schönheit der Musik zu konzentrieren. Hieß es am Anfang noch, das sei »halt einfach B-Musik«, ließ ich mich mit der Zeit doch gerne von dem melodiösen, fröhlichen Klang hinreißen, der mal kraftvoll und mit viel Bums die Entschlossenheit der Krieger untermalt, mal die kunstvollen Wandmalereien mit orientalischer Musik verkleidet. So schön und so bunt kann sie sein, die Vermischung des künstlerischen Vermächtnisses zweier Kulturen.

Vielleicht geht es auch einfach mal um Gefühle. Um die Euphorie vor dem Angriff, die Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren, die Trauer um einen gefallenen Bruder, die Sehnsucht nach Frieden, die Einsamkeit, Wut und Verzweiflung, wenn einen der eigene Vater verstößt, die Versöhnung, von selbigen wieder aufgenommen zu werden, die Freude und das Glück darüber, wenn am Ende alles gut wird. Die Vorstellung lädt nicht nur zum Zuschauen und -hören ein, sondern genauso sehr zum Mitfühlen, zum Freuen, Trauen, Weinen, Sehen, Wünschen und Lieben.

Naroa Intxausti als Zulema - zum Dahinschmelzen schön! Foto: Rolf K. Wegst

Naroa Intxausti als Zulema – zum Dahinschmelzen schön… Foto: Rolf K. Wegst

Prägende Bühnenerfahrung ist in dieser Inszenierung das Tragen des Chadors, ein von muslimischen Frauen über Kopf und Körper getragenes Kleidungsstück, welches uns in den »arabischen« Szenen farbenfroh in Haremsdamen verwandelt. Erstmal ist es natürlich ein Kostüm, unter welchem der selbe Geist steckt wie unter der Idomeneo-Maske oder einem frechen Hut, doch ein Blick in den Spiegel lässt immer wieder erstaunen, wie viel Möglichkeiten der Selbstinszenierung einem dieses Kostüm nimmt. Man denkt an asketisch lebende, wuselige Nonnen, die sich auf ein Leben des Geistes eingelassen haben und freiwillig und bewusst auf äußere Darstellungen ihrer selbst verzichten (abgesehen davon, dass ein Habit natürlich auch eine Darstellung an sich ist). Und es ereilt mich mal wieder ein Glück darüber, dass mich soziale Konventionen nicht dazu bringen, mit mehr oder weniger Freiwilligkeit meinen Kopf – und irgendwie einen mir wichtigen Teil meines Ichs – zu verhüllen.

Der maurische Damenchor um Zulema - Foto: Rolf K. Wegst

Der maurische Damenchor um Zulema – Foto: Rolf K. Wegst

So provoziert der Chador bei mir dann auch ein Bekenntnis zur Dualität der Geschlechteridentität – und bei anderen zumindest die Frage, wie es aussieht, wenn frau im Chador Klimmzüge macht, oder so vermeintlich männlichen Aktivitäten wie Armdrücken, Clinch, oder Boxen nachgeht.

Am Ende der Oper sollte man es schließlich mit den Worten Zulemas halten, die in einer ihrer wunderschönen Arie singt »wer jetzt nicht bewegt ist, hat keine Seele«. Denn darum geht man doch ins Theater (wo der ein oder andere die nötige Anonymität des dunklen Zuschauerraums findet) – um die Seele berühren zu lassen.

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Loud and soft in the grandest fashion

Is it good “requiem etiquette” to play an encore? The Sanctus? Arguable. But if you had a look into the first row, you saw a soloist who had been highly concentrated for two hours smiling like a child, for the whole encore. In a way, that rendered the question mute.

Another Verdi concert, another love story. I fell in love with the drum. The quivering of the stage. The Maestro’s punching. The Lacrymosa. The joy. The forte and the piano of a marvelous composition that was brought alive by about 300 women and men.

Some people say they don’t like to go to requiem concerts because of the dark and grave atmosphere. This music is profound, indeed. It is to be performed with devotion and respect to the decedents and the celebration of Mass. But the music surpasses this. To perform it is a most vibrant act, a celebration for the living.

Everyone on stage should strive to perform at their best, but what matters in the end is what really touched us and made us feel alive. This music is revolutionary! I can only agree on that with Joyce DiDonato. In performing this music, we invite you to go through all these emotions, we offer the soul a ground to play on. All you need to do is to be open for whatever reaches you.

So cry! Cheer! Smile! Suffer! Be child-like! Marvel! Sleep! Tap your feet! Be revolutionary!

Just turn off your electronic and wireless world for a moment and face the unamplified, the purity of the human voice and instrumental play – in its softest piano and most tremendous power (both of which Verdi worked out masterfully).

Is it good requiem etiquette to applaud cautiously? To be serious and unsmiling? To perform in a sports arena? To conduct as if you were punching the drummer? To cheer like crazy for the musicians?

It is good etiquette to feel, to be vibrant, to express emotions.

Verdi Requiem at Rittal Arena Wetzar - Gießener Anzeiger Nov 18, 2013

Verdi Requiem at Rittal Arena Wetzar – Gießener Anzeige Nov 18, 2013

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Wut, Schmerz, Liebe

Bevor das Orchester die Ouvertüre zu spielen beginnt, tritt eine Figur auf die Bühne. Sie schaut etwas suchend in den Raum, trägt ein T-Shirt auf das die Worte Ira, Dolore, Amore – Wut, Schmerz, Liebe – gedruckt sind und fängt an, I am what I am aus La Cage aux Folles zu singen.

Die Oper hat noch gar nicht begonnen, da ist eine der tiefsten Szenen schon vorbei. Egal, was in Fosca eigentlich passieren wird (die Figur “What I am” ist frei dazu inszeniert), zu Beginn wird erstmal eine ganz profunde Wahrheit offenbart: Zu sein, wer man ist, kann sehr nah mit den drei Emotionen verbunden sein – Wut, Schmerz und Liebe, Liebe zu anderen und vor allem zu sich selbst. Besonders, wenn man anders ist, als das, was andere sich angewöhnt haben “normal” zu nennen – sei es, weil man kurze Haare trägt, sei es, weil man voll von Liebe ist und daran zerbricht, so wie Fosca.

Vielleicht war die Intension des Regisseurs (Thomas Oliver Niehaus) eine ganz andere, doch kann ich der Szene bzw. dem Gedanken daran (ich konnte sie leider nur einmal sehen) immer wieder viel abgewinnen.

Giuseppina Puinta als Fosca (Photo: Rolf K. Wegst)

Fosca (Giuseppina Piunti): Tutto è follia…(Photo: Rolf K. Wegst)

Fosca – das klingt ein wenig nach einer Handelsmarke. Gäbe es beim Discounter Oper zu kaufen, könnte sie Fosca heißen, so zumindest der erste Gedanke. Es lohnt sich allerdings ein zweiter – denn Fosca (aus der Feder des Brasilianers Antônio Carlos Gomes) ist durchaus nicht mit Recht völlig in Vergessenheit geraten – im Gegenteil! Die Oper spielt im Piratenmilieu und dreht sich im Großen und Ganzen um – man kann es schon vermuten – Ira, Dolore, Amore – tutto è follia. Fosca, eine Piratenbraut, hat sich in einen venezianischen Gefangenen verliebt, der jedoch zu seiner Verlobten Delia zurückkehrt. In Wut und Schmerz verspricht sie sich einem Piraten, wenn dieser ihr Delia aus Venedig bringt.

So wird Delia verschleppt und trifft schließlich auf Fosca. Delia bittet, den von beiden geliebten Mann nicht zu töten und bietet an, an seiner Stelle zu sterben. Im Hintergrund erscheint der Schriftzug “And I said I love you”. Fosca bewundert diese Liebeserklärung Delias, schließlich umarmen sich die beiden Frauen.

Fosca (Giuseppina Piunti) und Delia (Maria Chulkova) (Photo: Rolf. K. Wegst)

Fosca (Giuseppina Piunti) und Delia (Maria Chulkova) (Photo: Rolf. K. Wegst)

Bei der Konzeptionsbesprechung versprach der Regisseur musikalische Homoerotik: keines der Liebesduette habe musikalisch so viel Liebe für einander in sich wie das Duett von Fosca und Delia. Er lässt die beiden Frauen dann auch nicht alleine auf der Bühne stehen, sondern alle Frauen die Bewunderung teilen. Der Damenchor betritt ergriffen und bewegt die Bühne und fällt gar geschlossen in Ohnmacht. Großartig. Zwar würde ich mich gerne mal ganz in Ruhe von diesem Duett, von Giuseppina Piunti und Maria Chulkova, ergreifen und bewegen lassen, aber es ist auch eine meiner Lieblingsszenen zum Spielen.

Ein letztes Mal steht Fosca zwischen Delia und Paolo.. (Photo: Rolf K. Wegst)

Ein letztes Mal steht Fosca zwischen Delia und Paolo (Photo: Rolf K. Wegst)

Natürlich dürfen nicht beide Frauen das Ende der Oper miterleben, nur eine überlebt die Auseinandersetzung darüber, wer sich nun aus Liebe opfern darf bzw. soll. Foscas gebrochenes Herz, umhüllt von einem atemberaubenden Kleid, lässt die beiden nach einem musikalisch packendem Finale schließlich mit der Bitte um Vergebung ziehen und verliert den Kampf gegen die Wut, den Schmerz, den Kampf um die Liebe.

Fosca gibt’s noch drei Mal im Stadttheater Gießen (22.3./14.4./27.4.) und online in der Hessenschau (ca. ab Minute 23:30).

PS: I just saw Anik LaChev turned a White Shirt Monday into a Black Jacket Thursdays – in Fosca we have a black jacket holding hands with a white shirt..

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Ich steh eigentlich auf was anderes

Es wäre vielleicht sinnvoller gewesen, diesen Post vor sechs Monaten zu veröffentlichen und nicht jetzt, wo alles vorbei ist, aber vor sechs Monaten war mir noch nicht so recht danach.
Ich wurde am Wochenende ein klein wenig wehmütig, als ich zur Derniere des Freischütz gelaufen bin. Dabei war ich bei der Spielplanpräsentation letztes Frühjahr gar nicht so begeistert gewesen. Eine deutsche Oper im deutschen Wald mit viel Horn und Jägerflair. Ich steh eigentlich auf was anderes.
Die Konzeptionsprobe ließ mich recht puzzled zurück. Das Jägerthema habe etwas Sexuelles, sagte der Regisseur, es über werde die Platzierung eines Phallus im Laufe der Inszenierung nachgedacht. Und wieder: Ich steh eigentlich auf was anderes.

Kollektive Agathe: Schieß nicht, ich bin die Taube!

Die Proben mit Chor waren aber erstmal nicht vom Phallus tangiert, wobei ich zugeben muss, dass ich das Stück von da an nicht mehr ganz unvoreingenommen betrachten konnte. Es war wohl die sechste Vorstellung als mir aufging, dass wohl eigentlich der Gewehrlauf und Probeschuss gemeint sind, wenn Kuno zu Max sagt »Leid oder Wonne, beides ruht in deinem Rohr«.
Max (Eric Laport) hatte für mich leider nicht viel an Attraktivität zu bieten – ich steh eigentlich auf was anderes – aber Eric verkörperte diesen verlorenen, verwirrten, mitunter unsicheren und letztlich als schizophren entlarvten Charakter sehr überzeugend. Wirklich ergriffen hat mich jedoch das Böse – Marcell Bakonyi mit großartiger Stimme als Kaspar, der den perfekten intriganten und verdorbenen Gegenspieler zu Max gab – oder vielmehr die dunkle Seite von Max’ Seele, denn Kaspar, ebenso wie Kaspars Verbündeter, der Teufel Samiel, wohnten nur in Max’ Kopf.
Aber nicht nur Tenöre haben es eigentlich schwer bei mir, auch Sopranistinnen müssen schon etwas Besonderes haben, um mich zu begeistern. Kein Problem für Sarah Wegener als Agathe. Zeit, die Augen zu schließen und sich von der Musik und dem Gesang davon tragen zu lassen, denn Agathe war mir zwar keine besonders sympathische Figur, doch kamen mir oft fast die Tränen, wenn sie diese seit dem von mir so oft zitierten Zeilen sang »Ja, Liebe pflegt mit Kummer stets Hand in Hand zu gehen!« und in ihren Arien ihre wunderschöne Stimme glänzen ließ.
Auch wenn ich anfangs der Musik nicht so viel abringen konnte, habe ich mich schließlich dann doch in jede Vorstellung gesetzt und sie mir von Anfang bis Ende angehört, begeistert und demütig – denn ist es nicht ein unglaublicher Luxus? Auf dem Boden in einer Ecke der Bühne sitzen und Stauen, das ist ein unglaublicher Luxus.

Umstrittenes Zentrum der Inszenierung war sicherlich die Wolfsschluchtsszene. Hier bot meine Ecke der Bühne den Vorteil, das eingespielte Amok-Lauf-Video nicht einsehen zu können, höchstens auf dem kleinen Schweiz-Weiß-Monitor neben dem Feuerwehrmann, der aber oft die Sicht darauf versperrte. So konnte man ganz entspannt mitrocken, wenn die Musik sich ihrem Höhepunkt nähert, und mit Spannung erwarten, ob der alles entscheidende Satz fallen würde. Denn auf dem Höhepunkt des Wahnsinns, als Max selbst Hand anlegt, die siebte Freikugel gießt und es in seinem Hirn Amok läuft, da fahren die Transparente, die sonst das Bühnenbild ausmachen, wild hoch und runter, fallen schließlich und enthüllen damit den circa vier Meter großen Phallus. Im selben Moment ruft Kasper den Teufel – »Samiel!« und als der Phallus im Nebel sichtbar wird, ertönt eine Stimme: »Hier bin ich!«

In einigen Vorstellungen gab es jedoch kein »Hier bin ich!«, keine Auflösung der skurrilen Szene. Doch es ist ein durchaus bedenkenswerter Ansatz – denn was ist denn die treibende Kraft in Max’ Handeln? Ist die Sexualität nicht die größte Kraft, die auf einen Menschen wirken kann?
Jedenfalls muss man das erstmal hinkriegen – einen vier Meter großen, mit vielen Details versehenen Penis auf die Bühne stellen und damit männerfeindlich sein. Vom zweiten Rang mag man sich übrigens über den Baum oder gegebenenfalls auch Steinpilz gewundert haben, man sieht die Spitze nicht. Dann fällt der Vorhang, das Licht geht an und ein Techniker rollt den Riesenpenis von der Bühne ins Magazin. Immer wieder skurril. Man munkelt übrigens, er sei schon kurz nach seiner Fertigstellung an ein Etablissement verkauft worden.

Krankschwester in Der Freischütz

Dann noch das große Finale, ebenfalls nicht ganz wie es im Buche steht. Ein Haufen psychisch kranker Menschen betritt in Lumpen die Bühne und wird von seelenlosen Krankenschwestern mit Medikamenten versorgt und zum großen Gebet animiert. Der Psychiater spricht sich für die Einweisung von Max aus, das »Probejahr«. Dazu der Schlusschor »Wer rein ist von Herzen und schuldlos im Leben, darf kindlich der Milde des Vaters vertrau’n!« Die Insassen, sie sehen in ihrem Wahnsinn alle kindlich aus, sie mögen vielleicht die reinsten Herzen haben.

Alles in allem war das eine äußerst spannende, mitreißende und tiefe Produktion, szenisch wie musikalisch. Auch wenn ich eigentlich auf was anderes stehe. Und bei aller Laudatio auf Musiker und Regie soll mein letztes Wort den guten Seelen der Maske gelten: Ihr macht einen tollen Job, mich so scheiße aussehen zu lassen!

Fotos von Der Freischütz auf www.stadttheater-giessen.de

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