Category Archives: En route

Parade-Beispiel

Juli ist Pride-Season. Da hatte ich beschlossen, der Main-Metropole dieses Jahr mal wieder einen Tagesausflug abzustatten. Zu erleben gab es eine Mischung aus Demo, Faschingsumzug, Volksfest und einer surrealen Welt, in der offen hetero lebende Pärchen plötzlich ein wenig exotisch erscheinen. Einmal Vielfalt zum Eintauchen, Durchschwimmen, Aushalten, Bestaunen, Feiern und Genießen – for basically anybody – whether you’re gaysexual, straightsexual, bisexual, trisexual, supersexual, oversexual, undersexual, whatever.

Ich und meine Kamera lieben das Bunt der Parade, wir waren schon das dritte Mal gemeinsam da um die knalligen Farben einzufangen, das, was sonst so oft unsichtbar bleibt. Mich berührt die Fröhlichkeit, die die Parade durchzieht – eine Fröhlichkeit, die es hier nicht immer gab und die es anderswo noch immer nicht gibt. Ich bin sehr dankbar, sie in Freiheit genießen zu können. Die grünen PR-Texter haben es auf den Punkt gebracht: CSD statt AfD!

Dafür wünsche ich mir eine All-Year-Pride-Season.

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Hang Loose Food

(English speaking vegetarians travelling to Huanchaco see below)

Es ist gar nicht so leicht, sich in Peru als Vegetarier durchzuschlagen, selbst in einem touristischen Surfer Hot Spot wie Huanchaco. Zumal vegetarisch in unserem Sinne ja auch ohne Hühnchen bedeutet, was den ungläubigen Blicken zufolge nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint.
Eine Zeit lang haben wir uns mit Omelette oder etwas lieblos zusammengestellten Beilagentellern begnügt, bis wir uns schließlich auf die Suche nach auf westliche Essegewohnheiten spezialisierte Restaurants gemacht haben. Eine vielversprechende Aufschrift »Vegan organic food« vor einem Restaurant an der Strandpromenade entpuppte sich leider als Lügen-Schild.

Durch unsere mit viel Insider-Wissen ausgestattete Begleitung durften wir dann schließlich Miguel kennen lernen. Miguel ist der Koch eines kleinen, urigen Cafés in einer der Straßen in zweiter Reihe, in dem zugleich – oder auch primär – ein Hostel und eine Surfschule untergebracht sind, das Un Lugar Café. Sitzen kann man nur draußen in einem gemütlichen, dem Dschungel nachempfundenen Innenhof. An der einen Seite aufgereihte Surf-Bretter, gegenüber ein Käfig mit zwei Bilderbuch-Papageien. Die Sonne wird durch Netze und Holzkonstruktionen gedämpft, Sofas, Bänke, Tische mit Ambiente versprühen haufenweise ein Hang-Loose-Feeling, dem man sich nur schwer entziehen kann. Neben einem Sofa-Arrangement befindet sich die Küche, vom Rest des Hofes durch eine Theke getrennt. Ob Miguels Reich durch eine solide Dach-Konstruktion bedeckt ist, kann ich gar nicht mehr so genau sagen.

Best cook in town in his kitchen

Die Küche des Un Lugar Surf Camps bietet – für Peru sehr typisch – »Menü« an, d.h. das Tagesgericht, dazu eine Vorspeise (oftmals Suppe) und ein Getränk (oftmals extrem süß). Das Ganze für 7 Soles, umgerechnet ca. 1,75 €. Mehr als das steht nicht auf der Karte, dafür bietet eine Kühltheke noch eine exquisite Auswahl an Torten und Küchlein.
Wir bekamen schließlich auf vorsichtige Nachfrage ein vegetarisches Menü kreiert: Salat statt Suppe (frisch angemachtes Dressing gibt’s in einem Becher dazu gestellt) und eine super leckere Gemüse-Pfanne mit Reis. Zum Nachtisch haben wir uns dann noch ein bisschen Apfeltarte gegönnt. Insgesamt ein Gaumenschmaus in vegetarisch, vegan und glutenfrei – jedoch ohne, dass dies auf einschlägigen Websites als solches beworben würde.

Wer ein paar Tage durch Huanchaco streift, sollte sich einen Mittag im kleinen Un Lugar Paradies auf keinen Fall entgehen lassen (abends leider geschlossen, soweit wir das mit den Öffnungszeiten verstanden haben)!

The best place to have lunch in Huanchaco definitely is the »Un Lugar Café/Surf Camp«. An unsuspicious door in the middle of Jiron Francisco Bolognesi is the entrance to a little hang loose paradise with surfboards, parrots, wooden constructions and smooth shade – a little courtyard where food and drinks are served. Kitchen chef Miguel cooks the menu of the day, and if you ask nicely, you will get the most delicious vegetarian food in town (plus gorgeous chocolate cakes). The guys working there are very kind, and they speak some English (which was very helpful). Highly recommend for a relaxed lunch and afternoon in Huanchaco!

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Traumpass

Eigentlich spielt mein Reisepass eine recht untergeordnete Rolle in meinem Leben. Ich brauche ihn nur, wenn ich die Europäische Union verlasse, und das tue ich nicht sonderlich oft. Doch die Momente, in denen ich ihn in der Schlange vor einer Passkontrolle in den Händen halte, fühlen sich stets sehr bedeutungsschwer an.

Ich besitze etwas, das Milliarden Menschen auf der Welt nicht haben und viele von ihnen gerne hätten. Viele würden dafür vielleicht viel Geld bezahlen, andere zahlen mit ihrem Leben. Ich habe ihn einfach so, meinen deutschen Pass, ohne etwas dafür zu tun und er räumt mit gegenüber vielen den vielen Milliarden Menschen viele Privilegien ein.

Mit meinem Pass darf ich zu jeder Zeit in unser kleines, wohlhabendes Land einreisen und so lange bleiben wie ich möchte. Zugegeben, das hat nicht nur Vorteile. Dafür muss ich auch Müll trennen, den Bürgersteig vor dem Haus sauber halten, zum Fahrspurwechsel blinken und nicht zuletzt an der deutschen Erfindung des Weltschmerzes teilhaben, den so viele von uns allerorten in ihr Leben verspüren und in unsere kleine wohlhabende Welt versprühen. Daneben kann ich jedoch – und das ist weitaus gewichtiger – mein Leben in vergleichsweise zuverlässiger Ruhe und Sicherheit führen. Und arbeiten darf ich hier auch.

Meine Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der Europäischen Union und dem Europäischen Wirtschaftsraum haben der Theorie nach die gleichen Möglichkeiten. Meine Privilegien teile ich formal demnach mit geschätzt 525 Millionen Menschen. Für ungefähr nochmal so viele Menschen aus »bestimmten Staaten« besteht zumindest noch eine relativ große Offenheit, dass sie mit uns leben und arbeiten dürfen, sofern sie das denn möchten. Aber das tun sie oft nicht, da es ihnen vielleicht ähnlich gut geht wie uns.

Bleibt der Rest, ca. 85% der Menschheit, der in sogenannten Drittstaaten, nicht aber bestimmten Staaten lebt, und wer unter ihnen nicht gerade hochqualifiziert in einem Gebiet ist, in dem uns die eigenen Spezialisten ausgehen, der kommt aus seinem Drittstaatenstatus nicht so leicht raus – bzw. in unser Land nicht so leicht rein.

Manche Menschen meinen ja, es seien schon viel zu viele von ihnen drin. Das wiederum liegt wohl daran, dass dieser Rest der Welt nur grob die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung erzielt. Ich kann mir vorstellen, es wollten gar nicht mehr so viele hier her, wenn unser Anteil am Bruttoweltprodukt nur ein ganz keiner wäre und sich Wohlstand und Sicherheit irgendwo anders auf der Welt niederließen.

Dann hätte wahrscheinlich auch mein Reisepass einen großen Teil seiner Aura verloren, nämlich der Teil, der mich immer mal wieder – sofern ich mich aufmache, unsere europäische Festung zu verlassen – spüren lässt, wie weit nach oben mich das Leben ohne mein Zutun gespült hat.

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Äquatortaufe

CDG-LIM

Das Internet macht es uns heute leicht, Bilder und Nachrichten aus jedem Winkel der Welt auf unser Smartphone zu holen. Wir können bequem auf dem Sofa mit dem anderen Ende der Welt videotelefonieren, die Entfernung spielt keine Rolle, höchstens die Qualität der Internetverbindung.

Wir haben gelernt die Welt zu vermessen und zu berechnen, aber ich zweifel daran, dass wir wirklich die Fähigkeit besitzen, die Dimension unserer Erde zu begreifen.

Ich habe zum ersten Mal den Äquator überquert, irgendwo über Brasilien, auf der 10.300 km langen Strecke zwischen Paris und Lima, hinweg über Orte, die man nur aus dem Fernsehen kennt. Schon alleine die Vorstellung, in 11,5 km Höhe durch die Troposphäre zu fliegen, ist eigentlich nicht zu begreifen. Was Gott sich wohl dabei dachte, als er uns Flugzeuge bauen ließ?

Wir sind auf einem anderen Kontinent gelandet, jedoch so weit weg von zuhause, es könnte auch ein anderer Planet sein. Zumindest eine ganz andere Welt auf unserem einen Planeten, die wir nun zu erkunden beginnen. Über das Internet immer verbunden mit Zuhause.

 

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On Privacy

There is something very private about public toilets. The moment you lock the door you are with yourself only, be it in a clean and friendly or in a yucky environment.

I must admit, I was not aware of this privacy being a key aspect of public toilets until I saw this totally public toilet in a coffee house in Vienna, Austria. I was left in disorientation and confusion – and with my very basic needs.

Public Toilet in Viena

For all those who would like to pee at Alt Wien Kaffeehaus – the door turns non-transparent when locked.

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Abgefahren

In Frankfurt einsteigen, am Mittelmeer wieder raus. Zwar nicht non-stop, dafür ohne Umstieg rast der TGV mit bis zu 320 Sachen Richtung Süden und kommt zum ersten Mal mit uns an Bord nach gut 1000 Kilometern und weniger als acht Stunden pünktlich in Marseille an. Fast wie fliegen – nur nahezu unschlagbar in Ökobilanz und Preis (Hin- und Rück-Fast-Flug für 80 Euro). Und das Glück darüber, auch als in Deutschland Lebende an der französischen Eisenbahn-Ingenieurskunst teilhaben zu dürfen. Allez les Bleus!

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Paradiso

Ich erinnere mich immer wieder an eine Seite in meinem Französisch-Buch, auf der das neue Thema »Glück« begonnen wurde. In der Überschrift stand die Frage »Was ist Glück für euch?«.

Meine Antwort auf diese Frage hat sich – bei einigen Konstanten – so sehr gewandelt, wie es mein Leben tat. Früher waren es die Entdeckungsreisen, die inneren und die »echten«, mit viel Input, neuen Menschen, Erfahrungen, Dingen, die es zu erleben gab. Neues auf dem Weg entdecken und dabei vielleicht irgendwann das Zuhause finden.

Heute war das Glück ein Tag im Luxus – der Luxus, das Zuhause gefunden zu haben und dieses Zuhause für einen Tag aus dem Alltag hinaus an einen idyllischen Ort zu nehmen, dessen größtes Angebot seine Armut an Reizen war. Das Auge umgeben von mindestens 300° grünen Wiesen und Wald, im Ohr nur das Plätschern des Wassers und ein paar Schafe. Raum, um sich zu spüren, die Erfrischung im Wasser, die Zartheit der Haut, die Wärme des Feuers, die Liebe, die in der Seele wohnt. Die Liebe, die sich freut, über das, was sie in der Seele mitgestalten darf und darauf wartet, all die verbleibende Angst zu verdrängen. Die Freude und Dankbarkeit über die Sonne, die uns jeden neuen Tag schenkt und die Natur, die tausendfache Wunder vollbringt und wachsen lässt, was wir zu Leben brauchen (und diesen ekligen Glibber-Wurm). Wie kann man diese Welt durchstreifen, wie kann man lieben ohne wenigstens die Hoffnung zu haben, selbst auch in Liebe mit all dem beschenkt worden zu sein?

Paradiso in der Schwalm

Paradiso in der Schwalm

In dieser Ruhe war liebevoll ein kleiner Zeltplatz mit einem Schäferwagen und einem Naturschwimmteich angelegt, dazu ein Steg mit einer Paletten-Lounge.

Das Glück für mich, das ist die Liebe. Und heute zum ersten Mal ein einsamer Zeltplatz mit Teich und Lounge und Feuer und Schäferwagen mit dicker Federdecke. Raum zum Spüren. Und das ganz nah.

 

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