Category Archives: LoveIsLove

Lebendiges Mittelalter

Kürzlich sah ich einen Schriftzug: Verein für lebendiges Mittelalter e.V. – zwar weiß ich wohl um diesen Kult, aber wer zum Teufel wünscht sich eigentlich, dass das Mittelalter wieder lebendig wird?! Doch hin und wieder passiert das ja mal, nicht selten aus einer römischen Keimzelle heraus. So auch wieder kürzlich, als der Vatikan dem Jesuiten Ansgar Wucherpfennig eine sogenannte Unbedenklichkeitserklärung für die Fortführung seines Rektorenamtes an der Philosophischen Hochschule Sankt Georgen versagte und forderte, vor einigen Jahren getätigte homophile Aussagen zu widerrufen.

Mit Sankt Georgen verbinde ich ein Abendessen im Priesterseminar vor knapp zehn Jahren, die Jungs hatten Reis gekocht. Eingeladen hatte mich ein junger Seminarist, den ich in monastischen Kreisen in Frankreich kennen gelernt hatte. Wir trafen uns ein paar Mal in Frankfurt, verloren uns dann aber etwas aus den Augen, wenngleich unsere Facebook-Freundschaft fortbestand.

Erst einige Jahre später sah ich den damaligen Seminaristen wieder, beim Christopher Street Day im Sommer: Ich schaute der Parade zu und er zog an mir vorbei, auf dem Wagen seines Arbeitsgebers. Der war mittlerweile ein großes Unternehmen, bei dem er Wirtschaftsingenieurwesen studierte – und seinen Lebensgefährten kennen lernte.

Seitdem sind weitere Jahre des 21. Jahrhunderts vergangen und man könnte meinen, wir seien in der Akzeptanz von Vielfalt in unserem Kulturkreis schon recht weit gekommen. Wenn sich aber ein Neutestamentler für eine Liebe ausspricht, die in der Grundorientierung egalitär und in der Geschlechterorientierung folglich egal ist, dann gehen doch 300 Jahre beste aufklärerische Tradition den Bach hinunter, die Kirche forderte Widerrufung. Möglichweise, weil damit an ihrem jahrhundertealten Erfolgsrezept gekratzt wird, der Verteidigung von Machtgefällen – die heute mehr denn je in Frage gestellt werden sollte, gerade wenn man in einer aufgeklärten Gesellschaft das höchste religiöse Gut der Liebe im Kontrast zu den tiefsten institutionellen Machtmissbräuchen der Kirche betrachten muss.

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Parade-Beispiel

Juli ist Pride-Season. Da hatte ich beschlossen, der Main-Metropole dieses Jahr mal wieder einen Tagesausflug abzustatten. Zu erleben gab es eine Mischung aus Demo, Faschingsumzug, Volksfest und einer surrealen Welt, in der offen hetero lebende Pärchen plötzlich ein wenig exotisch erscheinen. Einmal Vielfalt zum Eintauchen, Durchschwimmen, Aushalten, Bestaunen, Feiern und Genießen – for basically anybody – whether you’re gaysexual, straightsexual, bisexual, trisexual, supersexual, oversexual, undersexual, whatever.

Ich und meine Kamera lieben das Bunt der Parade, wir waren schon das dritte Mal gemeinsam da um die knalligen Farben einzufangen, das, was sonst so oft unsichtbar bleibt. Mich berührt die Fröhlichkeit, die die Parade durchzieht – eine Fröhlichkeit, die es hier nicht immer gab und die es anderswo noch immer nicht gibt. Ich bin sehr dankbar, sie in Freiheit genießen zu können. Die grünen PR-Texter haben es auf den Punkt gebracht: CSD statt AfD!

Dafür wünsche ich mir eine All-Year-Pride-Season.

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#LiebeFürAlle

Für meine »Mein erstes Mal«-Reihe haben sich am vergangenen Freitag die Ereignisse überschlagen. Zum ersten Mal eine ganze Bundestagsdebatte schauen, mit konfettiumjubelten Antrag zur Änderung der Geschäftsordnung. Und mit Tränen in den Augen. Zum ersten Mal das Gefühl, dass Berlin ganz nah ist, dass diese Abgeordneten mitten in meinem Leben stehen. Zum ersten Mal haben Frauen und Männer, die sich lieben, die Perspektive zu heiraten und es auch so nennen zu dürfen (denn wenn es nicht so genannt werden darf, ist es Diskriminierung, Herr Kauder) – die Ehe für alle wurde beschlossen.

In Freiburg durfte der erste Christopher Street Day diese Errungenschaft feiern (es bleibt jedoch genug, wofür noch zu kämpfen ist), die ersten Pläne für eine Verfassungsklage der AfD sind gescheitert (nicht antragsberechtigt). Der erste ernsthafte Versuch einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wird jedoch möglichweise auch nicht lange auf sich warten lassen, dann wird Justitia beweisen müssen, wie homo sie wirklich ist.

Was hinterher in der Zeitung stand, wurde allerdings nicht das erste Mal gedruckt.

»Die letzte Bastion fällt.«

»Ein außergewöhnlicher Fall in der deutschen Parlamentsgeschichte.«

»Der CDU-Fraktionsvorsitzende […] hat den Fraktionszwang aufgehoben«

»…basiert auf einem klugen Gruppenantrag…«

Vor fast genau 20 Jahren sahen die Konservativen die Institution der Ehe schon einmal bedroht, nämlich als die Vergewaltigung in der Ehe auf den Stand eines Verbrechens gehoben wurde. Auch damals wurde der Bezug zum grundgesetzlichen Schutz der Ehe und Familie gegen den Schutz der sexuellen Selbstbestimmung angeführt. Die heutige CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeld und die heute fraktionslose Abgeordnete Erika Steinbach stimmten damals gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe. Am vergangenen Freitag beriefen sie sich in ihren Reden abermals auf die besondere Schutzbedürftigkeit der ehelichen Institution.

Können wir nicht froh und dankbar sein, dass wir heute nicht mehr mit dem Eheverständnis des Jahres 1949 leben müssen? Dass Frauen aus freiem Willen ein eigenes Konto eröffnen können und eben nicht mehr unter dem »Schutz« des Grundgesetzes vergewaltigt werden dürfen?

Sicher sind bei beiden »Bastionen« – die Ehe als Freibrief für sexuelle Gewalt und als Bollwerk der Heteronormativität – in sich grundlegend unterschiedlich, doch wird deutlich, welche verschrobenen Wege der Konservatismus zuweilen ging, und dass nicht unbedingt alles gut war damals, 1949.

Und worin liegt eigentlich genau die Bedrohung der Institution Ehe?

Doch vor allem in dem, was über die vergangenen Jahrzehnte zunehmend Wirklichkeit geworden ist: Kinderlose Ehen. Eheloses Kinderglück. Kinder, die darunter leiden, nicht mit Mama und Papa aufzuwachsen oder zusammenzuleben – oder von ihnen vernachlässigt werden. Weniger Eheschließungen, mehr Scheidungen. Und all das vorrangig in der heterosexuellen Bevölkerungsgruppe (wie übrigens auch im Geltungsbereich des besonderen Schutzes von Ehe und Familie).

Die Ehe für alle schmälert nicht die Leistung und Möglichkeiten unserer heterosexuellen Mitbürger und Mitbürgerinnen, sich für den biologischen Fortbestand unserer Gesellschaft einzusetzen, und wertet die »Weitergabe von Leben« in keinem Stück ab. Da diese heute aber nahezu gleichwertig innerhalb wie außerhalb der Ehe stattfinden darf, lenkt die Ehe für alle den Blick auf ihren zweiten Kern, den der Christdemokrat Dr. Luczak völlig zu Recht in seiner Bundestagsrede hervorhebt: schützenswert an der Ehe sind – heute mehr denn je – die zutiefst konservativen Werte der Liebe, Treue, Verlässlichkeit, der Verantwortung füreinander, die frei jeglichen Geschlechts sind. Es sind diese Werte, die unsere Gesellschaft stärken, egal zwischen wem sie gelebt werden. Und es sind diese Werte, die wir an unsere Kinder weiterzugeben haben.

Wahrscheinlich hat das Gesetz hauptsächlich eine Folge: mehr Ehen. Und Anerkennung dessen, was wir in diese Welt mitgebracht haben und in Liebe leben möchten.

Love wins!

 

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Ist Justitia lesbisch?

Der aufbrausende Wahlkampf beschert uns möglicherweise das Recht, den Menschen, den wir lieben, zu heiraten. Auch wenn eine Überzeugungstat sicher einen weniger bitteren Beigeschmack hätte, ist es ein historischer Moment, den wir da morgen erwarten. Ein knappes viertel Jahrhundert nachdem die Homosexualität in unserem Land in die vollkommene Straffreiheit entlassen wurde, würde sie mit der Ehe für Alle eine Bastion des Konservatismus erobert, welcher die Biologie über den christlichsten aller Grundwerte stellt – die Liebe. Überfällig – und bewegend.

Mit Spannung bleibt abzuwarten, ob wir die “Ehe für Alle”-Plakate, die in den letzten Jahren auf unzähligen Demos der Christopher Street Days durch die Straßen getragen wurden, endlich wegschmeißen dürfen – und Justitia vielleicht doch ein bisschen lesbisch ist.

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More than a kiss

The other day I went to visit friends, a lovely couple, they made coffee and teased each other. Ultimately, one gave in and she gave her a tender smile and a kiss.

That was a lovely scene. It made me think of the first time I ever saw two women kiss, about one and a half decades ago, on TV. It had thrilled me to see that lesbians might really exist.

The scene at my friends’ touched me, for it let me feel that I am not alone having a – the, of course – world’s most wonderful women in my life. There’s more of us and we are wonderful.

Sadly, we are pretty much missed out in all these romantic Christmas movies. We definitely deserve one.

Anyway – a Merry Christmas to all you queer and gay and straight and whatever people!

Glitter and be gay – wishing you loads of tender smiles and a merry Christmas!

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Homokini-Debatte

»Da wird über ein Burkini-Verbot gestritten, aber schwul sein ist okay oder was?!«

So oder so ähnlich zitierte eine Freundin verständnislos einen Landsmann aus dem Osten Europas. Eine Frage, die keiner Diskussion bedarf, aber die doch schwer an meiner Weltordnung rüttelte.

Auch wenn klar sein sollte, was mir nahe liegt und was fern, wünsche ich mir, dass keinem Menschen die Kleider vom Leib gerissen oder Besuche am Strand verboten werden – genauso wenig wie aufgezwungene Verhüllungen. Andererseits wünsche ich mir auch, dass noch ein bisschen Stoff übrig bleibt für die Frauen auf den FKK-Party-Plakaten, die der Welt ihre nur mit Pixeln bekleideten Brüste aufzwingen. Ich wünsche mir in Freiheit Leben und Lieben zu können, als Frau, als religiöser Mensch, als Homo, dem Gegenteil und/oder einer Kombination daraus.

Und ich wünsche mir, dass Menschen nicht den Plakaten glauben, auf denen steht, die Homo-Ehe schade der nationalen Fruchtbarkeitsrate. Die wird nämlich weitaus schwerwiegender durch all diese Hetero-Partnerschaften beeinflusst, die von mir die gleiche Akzeptanz erwarten wie ich von ihnen, seien sie aus dem Osten Europas oder sonst wo her.

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»Homo« ist doch wie »vegan«

Es ist ein später Spätsommertag, an dem die Sonne in die Dresdner Altstadt strahlt. Sie hat sich mit ausreichend Kraft in den November geschleppt, um draußen zu frühstücken, inmitten all des historischen Kitsches, wie der vorbeiziehenden Kutschen, die uns bereits seit zwei Tagen das Wochenende versüßen. Am Nachbartisch sitzen vier junge Männer, angeregt in ein Gespräch vertieft.
Während wir Kaffee schlürfen,  Schokocroissants knabbern und uns verträumt-verliebt anschauen, hören wir einen der vier am Nachbartisch sagen

»Homo ist doch wie vegan, das Wort wird viel zu oft benutzt!«

Das unerwartete Postulat lässt uns unseren Kaffee über den Frühstücksteller prusten und vor Lachen das Croissant aus der Hand fallen. Der Mann schaut grinst uns an,  »is doch so!«, wir grinsend bestätigend zurück.

Die vier diskutieren noch weiter über’s Homo-Sein, während wir beide uns wieder unserem Verliebt-Sein widmen und uns in der Spätsommerkulisse sonnen. Nach einiger Zeit stehen die Männer auf, bezahlen und bevor sie gehen, kommt »homo-vegan« zu uns rüber und sagt »Danke«. Danke für unser süßes Verliebt-Sein, mit Streicheln, Lächeln und Küsschen. Er habe zwei Frauen lange nicht so gesehen, die meisten Frauen, die er an diesem Wochenende getroffen habe, gingen zu einem romantischen Kitschwochenende wohl Holzhacken.
Unser Frühstück hatte ihn sichtlich gerührt. Und seine Freude und Offenheit uns. Danke.

Frauenkirche

 

 

 

 

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