Category Archives: #TalkPeace

Über den Hügel

Es ist eine besondere Straße, die D981, die von Châlon durch das Department Saône-et-Loire Richtung Süden führt. In Châlon weist ein Schild mit der Aufschrift »TAIZÉ COMMUNAUTÉ suivre CLUNY« den Weg. Der Bus fuhr von hier aus immer noch ca. 40 Minuten, auf denen das Stillsitzen schwer viel, so groß war die Vorfreude. Wir schauten mit leuchtenden Augen aus dem Fenster, zählten die Dörfer, deren Reihenfolge mancher im Kopf hatte, herunter, bis schließlich: Cormatin, Taizé.

Es ist eine Straße der Sehnsucht – Sehnsucht nach einer Welt, in der die Seele ganz sein und zur Ruhe kommen darf. Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe, unter den Menschen und bei Gott.

Auf dem Weg in die Provence haben wir diesen Sommer einen Abend in Taizé verbracht, sind die Straße entlang gefahren, auf der ich so oft den Tränen nahe war, da sie für mich ein großes Stück weit nach Hause führte. Die Sehnsucht dieses Weges ist immer noch spürbar, doch die Tränen kommen mir heute auch vor Glück darüber, angekommen zu sein, an meinem ganz eigenen Ort des Ganzseins, der Ruhe und der bedingungslosen Liebe.

Vor 14 Jahren gab ich meinem Studien- und Wohnheimplatz zurück und folgte der Einladung, für längere Zeit nach Taizé zu kommen – und damit der Sehnsucht, die ich heute auf der D981 immer noch nachspüren kann. Durchatmen. Leben. Sein. Ankommen. Eine Bauchentscheidung, die mein Leben auf das Grundlegendste beeinflusste, auch wenn der Einfluss von Taizé selbst mit der Zeit immer weiter abnahm.

Ich bin ein paar Mal zurück gekehrt, mal mehr, mal weniger emotional emanzipiert, die letzte Übernachtung dort liegt schon viele Jahre zurück. Ich durfte Taizé mittlerweile meiner Familie zeigen, von der die jüngsten sogar schon wieder von ihrem ersten Jugendtreffen zurückgekehrt sind. Ich habe mein Zuhause gefunden, und bin dennoch tief berührt von dem kurzen Besuch auf dem Hügel, an dem ich immer noch eine wohlige Vertrautheit wahrnehme.

Mal spannend, mal kurios ist der Blick für die kleinen Veränderungen in der großen Kontinuität dieses Ortes – der Zahn der Zeit nagt an den damals (zu Beginn der 2000er Jahre) frisch renovierten Sanitäreinrichtungen, auf dem »No Meat«-Schild bei der Essenausgabe ist das »Meat« von der Sonne inzwischen vollkommen verblasst. Früher kamen die Permanents in die Kirche ins »Réservé«, zogen die Schuhe aus und setzten sich hin, heute nehmen sie dazwischen ihr Smartphone aus der Hosentasche und legen es neben die Schuhe. Auch die großen orangenen Bahnen, die über Jahrzehnte zum Wahrzeichen der Kirche der Versöhnung geworden waren, sind nicht mehr da – die Brüder haben die Kirche mit bunten Elementen gestaltet und auch Blautöne mit eingebracht – eine Veränderung, die ich nicht undankbar annehme – das Kirchengebäude meiner Jugend ist nicht in der Zeit stehen geblieben, ebenso wenig wie ich das möchte, auch wenn es manchmal vielleicht schwer fällt.
Auch einige Brüder sind älter geworden, die Zahl der jungen und auch noch jungenhaften Gesichter in den Novizenroben scheint aber unverändert. Etliche Brüder, die damals das Gesicht Taizés prägten, sind heute nicht mehr da, haben nach teilweise sehr langer Zeit ein neues Leben angefangen. Ich wünsche Ihnen und der Communauté, dass sie in Versöhnung miteinander leben können.

Und auch Mut und Licht haben vor Taizé nicht Halt gemacht: Es wurden Fälle von sexuellem Missbrauch öffentlich, mit denen man um vorbildlichen, respektvollen Umgang bemüht ist. Es wäre dem Hügel zu wünschen, dass es gelingt, ein Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen – nicht nur der eigenen Betroffenheit wegen, sondern weil es unserer Welt an Räumen zum Fühlen und Aussprechen fehlt. Da mag die Tabuisierung von Sexualität sicher beim Durchatmen helfen, doch sie ist keine Perspektive für die Zukunft. Not so monastic, I know.

Auch wenn sich die Gesichter verändert haben, fasziniert mich auch in den wenigen Stunden auf dem Hügel immer noch das Miteinander der Menschen, die aus allen Winkeln der Welt kommen. Zwar weiß ich, dass es auch eine Realität hinter der vielleicht manchmal doch ein wenig romantisch verklärten Fassade gibt, aber die Fassade und die Realität, sie liegen gar nicht so weit auseinander (was immer noch genug Raum für alltägliche Herausforderungen bietet).

Taizé war für mich immer ein Ort, der mehr innere Freiheiten schenkte, als er äußere nahm – und durch die Regeln des gemeinschaftlichen Zusammenlebens tat er Letzteres reichlich. Doch die Regeln bezogen sich auf das Handeln, nicht auf das Sein, was die Notwendigkeit des alltäglichen »Performens« auf das kleinste minimierte. Geschlecht war eine binäre Kategorie, doch konnte man sich darauf einlassen, war das »Doing Gender« mit der Zugehörigkeit zu einer Wohngruppe erledigt. Taizé schenkte mir Einsichten in eine Spiritualität voller Liebe, in die Erkenntnis, dass Gott Liebe ist, und wer in der Liebe bleibt, in Gott ist – oder vielmehr eine Einladung, auf dem Weg dieser Erkenntnis zu gehen.

Ich bin sehr dankbar für das, was Taizé mit für diesen Weg mitgegeben hat. Taizé war mir eine Startbahn ins Leben und lange Zeit eine Art Heimatflughafen, an den man immer wieder zurückkehren konnte, verweilen, auftanken – bis es wieder weiter ging, auf abenteuerliche, auf stürmische, auf wunderbare Flüge, immer von einem Engel eskortiert.

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#EuropaistdieAntwort

»Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.«

Als die Herren und Damen vor 70 Jahren ihre Unterschrift unter das Grundgesetz und dessen Präambel setzen, hat die Dämmerung des »erfolgreichsten Friendensprojekts der neueren Geschichte« gerade erst begonnen. Die Vision, die Grenzen des Nationalen in Richtung Europa zu überschreiten, erscheint für damals erstaunlich. Als ich als Jugendliche die Einführung des Euro erlebte und der Begriff der Europäischen Verfassung im Raum stand, schien sie verwirklicht. Heute scheint sie zuweilen machtlos gegenüber den nationalistischen und populistischen Ängsten, die in den letzten Jahren immer fruchtbarere Böden gefunden haben.

Eigentlich ist ja Liebe die Antwort – egal auf welche Frage, insbesondere jedoch auf Fragen von Ängsten. Für den aktuellen Wahlkampf ist aber auch Europa als Antwort mehr als legitim.

Europa ist die Antwort

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Unbequeme Worte

Anfang des Jahres war ich angetan von der Idee, einmal Worten, die man gerne öfter hören würde, etwas mehr bloggerische Aufmerksamkeit zu schenken. Die letzten Wochen brachten mich dann ein wenig in einen Zwiespalt: In den Medien sind Worte präsent, die versuchen Unbeschreibliches zu beschreiben, nämlich den sexuellen Missbrauch an Kindern, der gerade im Gewand der katholischen Kirche in die Öffentlichkeit tritt. Es sind Worte, die weh tun, die aber viel öfter gehört werden müssten.

Meine Wochenzeitung berichtet seit Monaten zuverlässig über neue Erkenntnisse, Debatten, Studien, Gerichtsprozesse und Entwicklungen im sogenannten Missbrauchsskandal der katholischen Kirche – eine schier unversiegbare Quelle an Grausamkeiten und Heucheleien. Das Ganze gipfelte letztes Wochenende in einem Gipfel, an dessen Ende eine Rede des Papstes stand, die den katastrophalen Umgang der Kirche mit dem Missbrauch eklatant wiederspiegelte. Das möchte ich an dieser Stelle gar nicht so sehr vertiefen. Bodo Wartke fasst es so wunderbar zusammen:

Wenn ich ein Gott wär von irgendeiner traditionsreichen populären Weltreligion, dann hätt‘ ich was zu sagen:
wenn von selbsternannten Dienern Gottes auf Erden
Kinder missbraucht und mishandelt werden,
dann geschieht das ganz gewiß nicht in meinem Namen!

Damals – 2010, als die erste Enthüllungswelle katholischer Verbrechen losgetreten wurde – wie heute habe ich die Berichterstattung förmlich in mich aufgesogen, auch wenn ich diese Kirche kopfschüttelnd, aber bequem von außen betrachten darf. Was mich bewegt, ist die Tatsache, dass diese Worte es überhaupt in die breite Öffentlichkeit geschafft haben. Denn Worte lassen Realitäten entstehen.
Sexueller Missbrauch scheint mir einen Rahmen zu benötigen, um in das öffentliche Bewusstsein zu gelangen. Diesen Rahmen bietet die moralisch hoch aufgeladene, weltumspannende Kirche auf besondere Weise: Sie bietet ein ganzes Tätersystem mit der größtmöglichen Divergenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, mit äußerst wirksamen Vertuschungsmechanismen und einer kaum zu beziffernden Zahl an Betroffenen, Survivors.
Vielleicht bietet dieser Rahmen, der so greifbar ist, irgendwann auch einen Spalt, um diejenigen in ein öffentliches Bewusstsein zu holen, an denen ähnliche Verbrechen außerhalb dieses oder eines anderen Systems verübt wurden. Um den sexuellen Missbrauch aus seinem finsteren Tabu-Versteck zu zwingen und Räume zum Sprechen zu bieten.

Noch wichtiger wäre jedoch, den Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass es Missbrauch gibt, sei er sexueller oder anderer Art, dass er manchmal wie eine Normalität daher kommt, von Vertrauten und Nahestehenden, und dass vor allem eines ist: ein Verbrechen.

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Sätze statt Vorsätze

Mit ein paar Tagen Verspätung ein kleiner Neujahrsgruß – das neue Jahr soll schließlich auch erstmal in Ruhe ankommen können, bevor es gleich mit Erwartungen überfrachtet wird.

Den Silvesterabend verbrachten wir im Theater. Anstatt uns an Vorsätzen für das neue Jahr abzuarbeiten, ließen wir liebevoll rezitierte Sätze auf uns wirken, die wir im neuen Jahr gerne öfter hören würde. Neben Bekundungen von Wohlwollen, Anerkennung und Liebe stehen meine beiden absoluten Favoriten:

Alice Weidel arbeitet eigentlich für Jan Böhmermann.

Donald Trump ist Jan Böhmermann.

Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, eine neue Blog-Kategorie zu starten – mit Worten, die wir gerne öfter hören möchten.

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Über nicht-reziprokes Schenken

Zu Weihnachten sollte ein Eintrag in mein Gratitude Journal nicht fehlen. Ganz klar: Ich bin dieser Jahreszeit für ihre reiche Geschenke-Tradition dankbar!

Zum einen – wenngleich nicht mit oberster Priorität – natürlich über das Beschenkt werden. Wobei man ja bekanntlich nicht alle Geschenke über einen Kamm scheren darf…

Da gibt es – und da hat sicher jeder seine eigene, ganz persönliche Erfahrung – das Fiasko-Geschenk, bei dem sich  vielleicht für die guten Absichten noch ein wenig Dankbarkeit zusammenfühlen lässt.

Da gibt es den Gutschein für ein gemeinsames Erlebnis oder eine persönliche Dienstleistung, der ein unglaublich wertvolles Angebot, ein Zeit-Geschenk, ausdrückt, dessen Einlösung aber manchmal leider im Sande verläuft.

Da gibt es – als zwischenmenschliches Geschenk leider viel zu oft verkannt – das Teilen von Erfahrungen und Blickwinkeln, aufrichtige Anteilnahme und aufmerksames Zuhören. In der Regel nicht verpackt, aber von unvorstellbar großem Wert!

Da gibt es Dinge, ob man sie braucht oder nicht, die einen für immer an den Schenkenden erinnern und damit weit mehr sind als ein Gegenstand.

Da gibt es Geschenke, deren wahrer Wert nicht in seinem monetären Äquivalent liegt, sondern in einer Botschaft, die den Beschenkten in seinem Sein bejaht.

Die Liste könnte noch ewig fortgesetzt werden. Es kristallisiert sich jedoch ein Gedanke heraus: Die schönsten Geschenke sind jene, die eine sich vertiefende Verbindung zwischen zwei Menschen spüren lassen – ein Geschenk für beide.

Noch dankbarer bin ich für den viel berührenderen Part der Geschenke-Tradition, nämlich dem Schenken an sich. Auch wenn es immer wieder eine Herausforderung darstellt, den gerade an das perfekte Geschenk formulierten Anspruch zu erfüllen (die sich vertiefende Verbindung), fühle ich mich oft, als säße ich selbst wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum, wenn ich für einen lieben Menschen ein perfektes Geschenk gefunden habe, mit einem nicht bezifferbaren immateriellen Wert, Ausdruck von Freundschaft und Liebe. Gebe es die Geschenke-Tradition nicht, dies würde mir am meisten fehlen!

Und wo wir bei immateriellen Werten sind – an dieser Stelle läuft die Theorie, Grundlage des Schenkens sei Reziprozität, in eine Sackgasse. Aber das gemeinsame Amüsement über Dr. Sheldon Coopers Analysen sozialer Konventionen – man überlasse dem anderen kein Geschenk, sondern eine Verpflichtung, ein Geschenk von ebenso großem Wert zu beschaffen, welches zudem das gleiche Beziehungslevel repräsentiere wie das ursprünglich Geschenkte – das wiederum ist ein Geschenk von unbezifferbarem Wert.

In diesem Sinne wünsche ich ein wunderschönes Weihnachtsfest, mit einem offenen Auge für all das, womit wir bereits beschenkt sind und mit einem offenen Herzen für die Liebe, die es zu schenken gilt – und das weit über das Weihnachtsfest hinaus.

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#TalkPeace

One evening this summer, I went out with a friend. We had a drink down by the river. After the late sunset, it got a little chilly so we both went our ways home. On my way, I passed by my favorite Pakistan takeaway restaurant and I decided to get some samosa. Sadly, samosa was sold out, just as almost every dish they served. I noticed that the restaurant was completely full and so was the Pakistan Burger restaurant next door, just like the Turkish restaurant further down the street. No free table left, families with huge generously filled plates all over the place, all over the street. Not the not most common »German« scene to observe at 11 p.m. But then it came to me – of course – it was the Ramadan. However, I still felt this was a somehow peculiar moment.

Yesterday, we put up our Christmas tree, a tradition deeply ingrained in me. But for a moment, I tried to look at it from a different perspective. Take an alien unfamiliar with our cultural and spiritual background, the Western capitalism, and our fauna system and try to explain: We cut a Nordmann fir tree, put it up in our living room, illuminate it with candle and/or LED lights, decorate it with all kinds of things – straw stars, hearts, glistening balls, wooden miniature toys, angels, and angel-like figures… We place gifts beneath the tree, some are brought there by Baby Jesus, some might be flown there by Santa Claus riding a reindeer-driven sleight.

I love this tradition (even though more the Baby-Jesus-type than the reindeer-believer), and I know the religious and cultural background and explanations as to why conifers live in our house for a couple of days or weeks during Christmas time. Christmas is a dear and serious mystery to me. But I want to point out: It’s not like we don’t have cultural or religious traditions that might appear strange to others.

So my Christmas wish goes out to all the people who decorated a tree these days, who celebrate the birth of Christ, to all who celebrated Ramadan in Summer, to all who live their own, completely different tradition – or try to live none, to all the inter-culturals, to all who don’t connect to any of that – may your traditions and thoughts be peaceful, and may they bring millions of little lights into the dark corners of our world.

#OperaRocks #DoPeace #TalkPeace

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Über Erinnerungs- und Begeisterungskultur

Am Wahlsonntag waren wir meine Großeltern besuchen. Bei der Machtergreifung war meine Oma 10 Jahre alt, mit 95 muss sie miterleben, wie erstmals wieder eine dem völkischen Gedankengut nahestehende Partei in das Parlament unserer Republik einzieht. In der Chronik ihre Heimatdorfes zeigt sie Fotos aus früheren Zeiten und erzählt von Kühen, Hühnern und Gänsen, von dem Juden, für den sie immer Eier versteckt haben, dem der Hof angezündet wurde. Sie sagt, das mit den Juden, das stehe alles in dem anderen Buch, aber als sie es sich das letzte Mal anschaute, habe sie in der Nacht nicht schlafen können.

Er habe ein Selfie mit ihr machen wollen, aber sie hätten ihn nicht durchgelassen, dabei sei er soch so nah dran gewesen, erzählt dieser junge Mann in gebrochenem Deutsch, mit funkelnden Augen. Seine Begeisterung für Merkel wirkt fast ansteckend – für den Wahltag ist wohl aber die Entgeisterung über Menschen wie ihn sehr viel prägender.

 

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