Category Archives: Viva!

Testosteronbefreiter Tango

Bodo Warte & The Capital Dance Orchestra: Swingende Notwendigkeit (Foto: Carsten Dapper)

Bodo Warte & The Capital Dance Orchestra: Swingende Notwendigkeit (Foto: Carsten Dapper)

Manchmal ist es doof, wenn Künstler sich weiterentwickeln, weil sie dann nicht mehr unbedingt das tun, was man die ganze Zeit so großartig an ihnen fand. Dann muss man sich entweder mitentwickeln, oder sich einen neuen Rock-Star/Kabarettisten/Schauspieler suchen. Auch bei Bodo Wartke hatte ich große Angst davor. Denn Bodo machte immer grandiose Kunst. Alleine am Klavier, die Reduktion auf das Wesentliche, intelligenter Humor eines unschuldig wirkenden, talentierten Pianisten, der aus “Klavierkaberett” alles rausholt, was drinsteckt.

Bei “Klaviesdelikte” erwischte ich mich das erste Mal mit einem skeptischen Blick, als Bodo Ukulele spielte oder dem Klavier mit einer Hand untreu wurde, um Percussion-Instrumente zu bedienen. Daher beäugte ich auch die Idee der “Swingenen Notwendigkeit” zunächst skeptisch, da ich nicht wusste, ob ich die vom Künstler geforderte Entwicklung im Stande war mitzugehen. Dann bekam ich allerdings Karten geschenkt und die Skepsis wurde sehr schnell von größter Vorfreude verdrängt, schließlich kann man bei Bodo Live ja prinzipiell nur alles richtig machen.

Und es stellte sich raus – richtiger geht’s gar nicht. Bodo bot einen bunten Ritt durch seine bisherigen Programme, geführt von The Capital Dance Orchestra unter der Leitung von David Canisius, das von Bodo mit immer neuen musikalischen Herausforderungen beauftragt wurden. Sie spielten alles von Swing über Walzer, Ching Chang Chong, testosteronbefreitem sowie -geladenem Tango und Piano-Salsa bis zu einer Heavy Metal-Einlage alles, was Bodos Stücke und eine für das Programm neu komponierte swingende Notwendigkeit hergeben.

Als Fan hatte ich es damit recht einfach: es gab allerhand bekanntes Liedgut in quasi der XXL Version – sozusagen Dance Music Cabaret Deluxe. Und da Bodo nun nicht mehr an seinen Klavierhocker gefesselt war, tanzte er beeindruckend, stilsicher und gut gelaunt durch das musikalische Programm, ohne dass ein Kernelement – Humor, Intelligenz, gute Musik und viel Talent – auf der Strecke geblieben wäre. Zwar wirkte die nur halb besetzte Siegerlandhallte beim Mitswingen am Anfang recht behäbig, doch das bin ich ja gewohnt – Schunkeln und fasziniertes Dauergrinsen in Mitten versteinerter Minen (wobei ich an dem Abend damit wirklich nicht alleine war und das Publikum dann recht bald auftauchte).

Wirkungsvoll untermalt wurde das Musikfest von einer fein ausgeklügelten Lichtregie, die beim romantischen Highlight “90 Grad” in liebesrötlicher Saalverkleidung gipfelte. Gott sei Dank habe ich mir das nicht als Single angetan, ich wäre vor Sehnsucht zerschmolzen. Jetzt musste ich nur aufpassen, dass ich die Hand, die ich in der Hand hielt, nicht vor Freude zerquetschte.

Einziges störendes Element in der zweiten Hälfte des fast dreistündigen Programms: Die zwei rotgekleideten Backgroundsängerinnen, die nicht so ganz in das musikalische Erlebnis passen wollten und deren Inszenierung die Frau an sich doch etwas auf das Banale zu reduzieren schien. Die beiden hatte das Programm nicht nötig und ich hoffe, dass Bodo mir diese Entwicklung, die meines Erachtens künstlerisch wenig Mehrwert brachte, nicht aufzwingen wird. Doch die Kostprobe auf die Zukunft machte Mut – ein Stück aus dem neuen Soloprogramm.

Bis dahin und in Zukunft immer wieder gerne ein Bodo-Capital-Dance-Orchestra-Erlebnis!

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»My cousin’s also a heterosexual, but she’s really nice!«

Coming out has come to be a part of my life. Being a vegetarian, a survivor, a lovely nerd, and a lesbian there are many opportunities to come out.

When I told a dear friend of mine that I had a crush on a girl, he invited me on a  tour to the »gay sights« of the city and he gave me a little gift: a package of tissues in rainbow colors. Being slightly ashamed of so much rainbow presence, I dug it deeply in a box. That was ten years ago.

Last week, I was looking for a pride accessory to wear for a sports event. I found that package of tissues which had waited to be taken out of that box for about ten years. And I realized what my friend had said to me: You’re great being gay!

Over the years I met a lot of people who gave me to understand that they were fine with me being gay. That they still liked me.

Honestly: I wish to be loved for what I am. Not despite of what I am.

The more precious encouters are those with people who say – I like you exactly for being gay, for being everything that makes you the person you are. Those, who encourage to discover and to live all the colors that are placed within one’s self.

After all – many of my best friends are straight. And that’s part of what makes them such loveable persons.

Stop homophobia

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Wer das Schweigen bricht…

Es ist eine verborgene Welt, die da Teil meines Lebens ist. Unsere Gesellschaft ist arm geworden an Tabus, aber manches hält sie immer noch im Verborgenen. Man kann heute über alles Mögliche sprechen, doch nur schwer über… genau darüber. Eine Welt, die manchmal ist wie ein ausgelutschter Kaugummi, den man runterschlucken oder ausspucken muss. Und manchmal muss man ihn jemandem vor die Füße spucken.
Wenn ich jemandem diese Welt erklären möchte, lege ich meine Worte vorher besser fein säuberlich zurecht, sonst gibt es viele Satzanfänge, aber kaum Enden dazu. Adrenalin im Körper und den Herzschlag im Hals, auch beim xten Mal.
Wenn ich jemandem diese Welt erklären möchte, denke ich zu viel darüber nach, dass niemand ungefragt diese Welt erklärt haben möchte. Und fragen tut man nicht. Manche bringe ich zu einem betretenen, manche vielleicht zu einem taktischen Schweigen.

Unsere Sprache ist nicht reich an Worten, die die Momente beschreiben, in denen diese Welt aus dem Verborgenen tritt und sichtbar wird. Es ist wie ein Programm, das im Kopf abstürzt, sich aufhängt. Mal blinzeln dann die Augen, mal schüttelt es die Hände, mal beame ich mich in eine andere Zeit, an einen anderen Ort. Ein Programm, das abstürzt, wenn »doof« geklickt wird, zur falschen Zeit am falschen Ort. Wenn an einem Zaun dieses eine Plakat hängt, wenn ich auf der Party auf diesen einen Menschen treffe, ich bei diesem einen Fast-Food-Restaurant bin, dieses eine Sport-Shirt kaufe, im Radio dieser eine Bericht kommt. Ich kann mir aber auch zehn Vorstellungen lang diese eine Szene anschauen, und erst wenn ich mich ein Jahr später darüber unterhalte, ist einer dieser Momente, der aus dem Nichts kommt, umwirft, und irgendwo hin geht. Einer dieser Momente, der kommt, wann er will.

Es ist etwas Besonderes, auf einen Menschen zu treffen, der »wir« sagen kann. In dessen Identität sich diese verborgene Welt ebenfalls eingewoben hat, auf seine eigene Art, irgendwann im Laufe seines Lebens. Ein Mensch, bei dem zwei Worte reichen, um alles zu sagen, um verstanden zu werden: doof heute. Es gibt so viele von »uns«, aber auch davon bleiben meist so viele verborgen.

Es ist etwas Besonderes, auf Menschen zu treffen, die keine Berührungsängste haben. Die sich nicht dem Schweigen anschließen, sondern respektvoll einen Raum zum Sprechen öffnen. Die nach dem Gefühl fragen, nach der Gegenwart. Die bereit sind, verstehen zu lernen, und offen sind für eine zutiefst ehrliche Begegnung.

Mit dem Slogan »Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter« startete vor vier Jahren die Kampagne sprechen-hilft.de. Wer spricht, braucht auch Zuhörer. Sprache schafft Realität. Es braucht eine Kultur des Redens, um ein Tabu existent werden zu lassen. Ebenso eine des Zuhörens, des voneinander Lernens und der Achtung. Auch wenn es nie so leicht werden wird wie zu sagen »ich habe Asthma« oder eine Pollenallergie.

Ich wünsche mir eine Welt mit weniger aus Machtstrukturen und sozialer Konvention erwachsener Verborgenheit. Und immer wieder auch mal eine riesige Portion kindlicher Unbefangenheit. Im Geiste im Sandkasten sitzen und sagen »ich bin ein Paragraphhundertxnsiebzig-Kind«. Wie selbstverständlich den Kaugummi ausspucken.

Das Schweigen brechen, bevor es einen selbst bricht.

Missbrauch ist strafbar.

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The magic in between

Leaving a message is one part of a social contract which is completed by the checking of the message, as explained by Sheldon Cooper.

20130305 letter

This social contract seems to be subject to a major change: modern communication tools allow us to check if the message has been checked. I endorse a lot of developments the internet has brought to us, but thinking back I figured that some of the magic seems to get lost.

“Thinking back” – let’s take Taizé in 2005. Things were pretty simple: Incoming calls could be received on two lines between 8h and 23h. For outgoing calls, phone booths were available 24/7. Mail was delivered several times per day: email delivery for breakfast, snail mail came for lunch, more email after 20h, plus the occasional email delivery when someone the email girl had passed the computer. In fact, the email girl was a crucial part of the social message contract.
We received email printed on paper, replies could be send electronically (yes!), 15 minutes every other day in summer, 20 minutes per day in winter. We were unaware of the major disadvantages of sending email as they are revealed today: There was no way to check at which time the recipient read the message. No way to see at which moment they had been online for the last time. Or if they were currently writing a reply. Any message sent to the Hill was part of a in fact very fragile social contract – until receiving an answer, no one could be sure the message did not get lost in the El Abdiodh computer, the El Abiodh printer, or some El Abiodh corridor (and things did get lost). There were only the messages – and the magic in between (this magic could be a lot of tristesse, I admit).

And of course, there was snail mail! I’ve never written that much letters in my whole life, I’ve never been a more creative creator of evelopes (like the Milk Carton Classic). While telephone companies came up with flat fees for phoning and internet, we enjoyed something very rare – a flat fee on postage, up to 2 kg, world wide. In the 21st century, a priceless social and cultural experience.

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