Memory zum Abstillen

Nach der Homo-Kini-Frage und den gepixelten Brüsten kämen wir heute zu einer wirklich diskussionswürdigen Sachlage und einem weiteren Fall deplatzierter Brust-Präsentation: Der Gießener Spielwarenhändler mit Tradition bietet zwischen Krimis auf kindgerechter Augenhöhe ein Busen-Memory an. Was bitte soll das?!?

Im Gießener Traditions-"Spielwaren"Handel

Im Gießener Traditions-“Spielwaren”-Handel Foto: anonym

Meine anonyme Bildquelle sprach nach dieser Entdeckung die Verkäuferin an („ist doch nicht so schlimm“) und gab ihren Einkauf zurück. Einige Zeit später war die »Recht-Brust-sucht-linke-Brust«-Box aus dem vordergründigen Sortiment verschwunden – damit aber nicht die Frage, was diese Gesellschaft ihren Kindern über den respektvollen Umgang mit Menschen und ihrem Körper beibringen möchte. Bei »Fuhr« wird man keine Antwort suchen müssen.

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Filed under Gender Defender, Life in Gießen

Homokini-Debatte

»Da wird über ein Burkini-Verbot gestritten, aber schwul sein ist okay oder was?!«

So oder so ähnlich zitierte eine Freundin verständnislos einen Landsmann aus dem Osten Europas. Eine Frage, die keiner Diskussion bedarf, aber die doch schwer an meiner Weltordnung rüttelte.

Auch wenn klar sein sollte, was mir nahe liegt und was fern, wünsche ich mir, dass keinem Menschen die Kleider vom Leib gerissen oder Besuche am Strand verboten werden – genauso wenig wie aufgezwungene Verhüllungen. Andererseits wünsche ich mir auch, dass noch ein bisschen Stoff übrig bleibt für die Frauen auf den FKK-Party-Plakaten, die der Welt ihre nur mit Pixeln bekleideten Brüste aufzwingen. Ich wünsche mir in Freiheit Leben und Lieben zu können, als Frau, als religiöser Mensch, als Homo, dem Gegenteil und/oder einer Kombination daraus.

Und ich wünsche mir, dass Menschen nicht den Plakaten glauben, auf denen steht, die Homo-Ehe schade der nationalen Fruchtbarkeitsrate. Die wird nämlich weitaus schwerwiegender durch all diese Hetero-Partnerschaften beeinflusst, die von mir die gleiche Akzeptanz erwarten wie ich von ihnen, seien sie aus dem Osten Europas oder sonst wo her.

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Paradiso

Ich erinnere mich immer wieder an eine Seite in meinem Französisch-Buch, auf der das neue Thema »Glück« begonnen wurde. In der Überschrift stand die Frage »Was ist Glück für euch?«.

Meine Antwort auf diese Frage hat sich – bei einigen Konstanten – so sehr gewandelt, wie es mein Leben tat. Früher waren es die Entdeckungsreisen, die inneren und die »echten«, mit viel Input, neuen Menschen, Erfahrungen, Dingen, die es zu erleben gab. Neues auf dem Weg entdecken und dabei vielleicht irgendwann das Zuhause finden.

Heute war das Glück ein Tag im Luxus – der Luxus, das Zuhause gefunden zu haben und dieses Zuhause für einen Tag aus dem Alltag hinaus an einen idyllischen Ort zu nehmen, dessen größtes Angebot seine Armut an Reizen war. Das Auge umgeben von mindestens 300° grünen Wiesen und Wald, im Ohr nur das Plätschern des Wassers und ein paar Schafe. Raum, um sich zu spüren, die Erfrischung im Wasser, die Zartheit der Haut, die Wärme des Feuers, die Liebe, die in der Seele wohnt. Die Liebe, die sich freut, über das, was sie in der Seele mitgestalten darf und darauf wartet, all die verbleibende Angst zu verdrängen. Die Freude und Dankbarkeit über die Sonne, die uns jeden neuen Tag schenkt und die Natur, die tausendfache Wunder vollbringt und wachsen lässt, was wir zu Leben brauchen (und diesen ekligen Glibber-Wurm). Wie kann man diese Welt durchstreifen, wie kann man lieben ohne wenigstens die Hoffnung zu haben, selbst auch in Liebe mit all dem beschenkt worden zu sein?

Paradiso in der Schwalm

Paradiso in der Schwalm

In dieser Ruhe war liebevoll ein kleiner Zeltplatz mit einem Schäferwagen und einem Naturschwimmteich angelegt, dazu ein Steg mit einer Paletten-Lounge.

Das Glück für mich, das ist die Liebe. Und heute zum ersten Mal ein einsamer Zeltplatz mit Teich und Lounge und Feuer und Schäferwagen mit dicker Federdecke. Raum zum Spüren. Und das ganz nah.

 

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Filed under En route, Mein erstes Mal

Kollateralschaden

Ich kann mich nur schwer erinnern, dass es in der Zeit seit meinem Schulabschluss einen Punkt gegeben hätte, an dem ich nicht gesagt hätte, dass sich in den letzten zwei Jahren so unwahrscheinlich viel verändert hat. Hinzu kommt, dass sich die Veränderungen unwahrscheinlich veränderten. Und das, wo ich doch so viel Mitgefühl habe, wenn ich Sheldon in “The Big Bang Theory” sagen höre “Change ist never good”. Nichtsdestoweniger bin ich dankbar für alle die Veränderung und all jene, die sie so herzlich mittragen.

Zum ersten Mal erlebte dieser Blog eine einschneidende Kollateralerscheinung des Wandels in meinem Leben – nämlich nichts. Viele Gedanken, Erlebnisse und Bilder, die faszinierten und bewegten, aber nicht mehr in Worte gefasst und hier geteilt wurden. Manchmal vergessen, manchmal einfach nicht möglich. Da es mir dennoch fehlt, wage ich einen Neustart, selbst mit der Option, dass dies nun eine einmalige Erscheinung ist (bei Misserfolg behalte ich mir ein Revidieren dieser Ankündigung vor).

Immer mal wieder wurde ich an eine Kolumne in einer Zeitschrift erinnert, die ich zu Studienzeiten las. Sie hieß “Mein erstes Mal” und beschrieb, wie Menschen ihr erstes Mal erlebten – das erste Mal operieren, Regie führen, Notfallseelsorge leisten, eine Bombe entschärfen und anderes. Vielleicht gelingt ein Neustart mit diesem Leitthema – ein erster Versuch.

Life is good.

Life is good.

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Die Seele, in der die Liebe wohnt, ermüdet nie und nimmer

El alma que anda en amor, ni cansa ni se cansa – ein Satz, tausende Male besungen, wenngleich wohl nie auf einer Opernbühne. Doch genau dort ist er mir wiederbegegnet – als Emotion, nicht als gesungenes Wort. So ganz absurd ist das nicht, geht es in der Oper doch immer um die Liebe, gerne auch in verworrenen bis absurden Geschichten, aber dafür lieben wir dieses Genre ja.

In Donizettis Linda di Chamounix – hier in der Inszenierung Hans Walter Richters am Stadttheater Gießen – scheint es mit der Liebe scheinbar recht offensichtlich. Linda und Carlo suchen ihr gemeinsames Glück inmitten gesellschaftlicher Zwänge und männlicher Machtinteressen, mit mehr Drama, als das wahre Leben wohl ertragen könnte. Dabei wird Linda völlig entwurzelt – die dörflichen Machtinstanzen hegen lüsterne Interessen, ihre Eltern schicken sie aus der Heimat fort, ihr Carlo ist dem Selbstmord nahe, der Vater verstößt sie – schließlich verfällt Linda dem Wahnsinn, bevor sie zu Carlo zurückfindet.

Doch die nie ermüdende, liebende Seele, sie scheint mir in dieser Oper nicht den heteronormativen Hauptrollen auf den Leib geschrieben. Vielmehr findet man sie in der schmächtigen Nebenfigur Pirotto, der gute Freund Lindas. Pirotto ist die einzige Konstante in Lindas Verzweiflung. Egal wie groß diese Verzweiflung, er singt für sie, er geht neben ihr in ihrem Wahnsinn. Er hat dunkle, nicht unwahre Vorahnungen und sucht sie zu beschützen, er tröstest sie über Verlust und Verzweiflung, er ist der einzige, der sie in ihrem dunkelsten Moment noch anlächelt. Pirottos Seele liebt und mit dieser Liebe führt er Linda zurück ins Leben. Er steht am Ende mit leeren Händen, aber vielleicht mit vollem Herzen da. Ob sie glücklich ist, diese Seele, ob sie allein mit einer Sehnsucht zurück bleibt – das bleibt offen, vielleicht ja auch gänzlich unbemerkt. Doch trägt Pirottos Seele wie keine andere unermüdlich durch das Stück.

Die Liebe, sie sucht zu berühren, auch – oder gerade – auf der Opernbühne. Dafür liebe ich dieses Genre.

Foto: Rolf K. Wegst

Pirotto und Linda in Linda di Chamounix (Stadttheater Gießen, Foto: Rolf K. Wegst)

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Testosteronbefreiter Tango

Bodo Warte & The Capital Dance Orchestra: Swingende Notwendigkeit (Foto: Carsten Dapper)

Bodo Warte & The Capital Dance Orchestra: Swingende Notwendigkeit (Foto: Carsten Dapper)

Manchmal ist es doof, wenn Künstler sich weiterentwickeln, weil sie dann nicht mehr unbedingt das tun, was man die ganze Zeit so großartig an ihnen fand. Dann muss man sich entweder mitentwickeln, oder sich einen neuen Rock-Star/Kabarettisten/Schauspieler suchen. Auch bei Bodo Wartke hatte ich große Angst davor. Denn Bodo machte immer grandiose Kunst. Alleine am Klavier, die Reduktion auf das Wesentliche, intelligenter Humor eines unschuldig wirkenden, talentierten Pianisten, der aus “Klavierkaberett” alles rausholt, was drinsteckt.

Bei “Klaviesdelikte” erwischte ich mich das erste Mal mit einem skeptischen Blick, als Bodo Ukulele spielte oder dem Klavier mit einer Hand untreu wurde, um Percussion-Instrumente zu bedienen. Daher beäugte ich auch die Idee der “Swingenen Notwendigkeit” zunächst skeptisch, da ich nicht wusste, ob ich die vom Künstler geforderte Entwicklung im Stande war mitzugehen. Dann bekam ich allerdings Karten geschenkt und die Skepsis wurde sehr schnell von größter Vorfreude verdrängt, schließlich kann man bei Bodo Live ja prinzipiell nur alles richtig machen.

Und es stellte sich raus – richtiger geht’s gar nicht. Bodo bot einen bunten Ritt durch seine bisherigen Programme, geführt von The Capital Dance Orchestra unter der Leitung von David Canisius, das von Bodo mit immer neuen musikalischen Herausforderungen beauftragt wurden. Sie spielten alles von Swing über Walzer, Ching Chang Chong, testosteronbefreitem sowie -geladenem Tango und Piano-Salsa bis zu einer Heavy Metal-Einlage alles, was Bodos Stücke und eine für das Programm neu komponierte swingende Notwendigkeit hergeben.

Als Fan hatte ich es damit recht einfach: es gab allerhand bekanntes Liedgut in quasi der XXL Version – sozusagen Dance Music Cabaret Deluxe. Und da Bodo nun nicht mehr an seinen Klavierhocker gefesselt war, tanzte er beeindruckend, stilsicher und gut gelaunt durch das musikalische Programm, ohne dass ein Kernelement – Humor, Intelligenz, gute Musik und viel Talent – auf der Strecke geblieben wäre. Zwar wirkte die nur halb besetzte Siegerlandhallte beim Mitswingen am Anfang recht behäbig, doch das bin ich ja gewohnt – Schunkeln und fasziniertes Dauergrinsen in Mitten versteinerter Minen (wobei ich an dem Abend damit wirklich nicht alleine war und das Publikum dann recht bald auftauchte).

Wirkungsvoll untermalt wurde das Musikfest von einer fein ausgeklügelten Lichtregie, die beim romantischen Highlight “90 Grad” in liebesrötlicher Saalverkleidung gipfelte. Gott sei Dank habe ich mir das nicht als Single angetan, ich wäre vor Sehnsucht zerschmolzen. Jetzt musste ich nur aufpassen, dass ich die Hand, die ich in der Hand hielt, nicht vor Freude zerquetschte.

Einziges störendes Element in der zweiten Hälfte des fast dreistündigen Programms: Die zwei rotgekleideten Backgroundsängerinnen, die nicht so ganz in das musikalische Erlebnis passen wollten und deren Inszenierung die Frau an sich doch etwas auf das Banale zu reduzieren schien. Die beiden hatte das Programm nicht nötig und ich hoffe, dass Bodo mir diese Entwicklung, die meines Erachtens künstlerisch wenig Mehrwert brachte, nicht aufzwingen wird. Doch die Kostprobe auf die Zukunft machte Mut – ein Stück aus dem neuen Soloprogramm.

Bis dahin und in Zukunft immer wieder gerne ein Bodo-Capital-Dance-Orchestra-Erlebnis!

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»Homo« ist doch wie »vegan«

Es ist ein später Spätsommertag, an dem die Sonne in die Dresdner Altstadt strahlt. Sie hat sich mit ausreichend Kraft in den November geschleppt, um draußen zu frühstücken, inmitten all des historischen Kitsches, wie der vorbeiziehenden Kutschen, die uns bereits seit zwei Tagen das Wochenende versüßen. Am Nachbartisch sitzen vier junge Männer, angeregt in ein Gespräch vertieft.
Während wir Kaffee schlürfen,  Schokocroissants knabbern und uns verträumt-verliebt anschauen, hören wir einen der vier am Nachbartisch sagen

»Homo ist doch wie vegan, das Wort wird viel zu oft benutzt!«

Das unerwartete Postulat lässt uns unseren Kaffee über den Frühstücksteller prusten und vor Lachen das Croissant aus der Hand fallen. Der Mann schaut grinst uns an,  »is doch so!«, wir grinsend bestätigend zurück.

Die vier diskutieren noch weiter über’s Homo-Sein, während wir beide uns wieder unserem Verliebt-Sein widmen und uns in der Spätsommerkulisse sonnen. Nach einiger Zeit stehen die Männer auf, bezahlen und bevor sie gehen, kommt »homo-vegan« zu uns rüber und sagt »Danke«. Danke für unser süßes Verliebt-Sein, mit Streicheln, Lächeln und Küsschen. Er habe zwei Frauen lange nicht so gesehen, die meisten Frauen, die er an diesem Wochenende getroffen habe, gingen zu einem romantischen Kitschwochenende wohl Holzhacken.
Unser Frühstück hatte ihn sichtlich gerührt. Und seine Freude und Offenheit uns. Danke.

Frauenkirche

 

 

 

 

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Filed under En route, Queer