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Bohren in die Platte

Während des Studiums gehörte es zu den Ehrendiensten unter Freunden, sich gegenseitig beim Umzug zu helfen. Mit einem Freund stellte ich schon vor ein paar Jahren fest, dass diese Zeiten für uns eigentlich vorbei sind, doch innerhalb der Familie ist der Dienst schwer zu versagen. Kurz vor Semesterbeginn wurde daher ein Transporter beladen, Ziel: Thüringen. Und pünktlich zum Jahrestag der Deutschen Einheit brachte der familiäre Ehrendienst mir ein Stück deutscher Kulturgeschichte nahe – die Platte.

Der Plattenbau wurde in der westdeutschen Erziehung als ein schwerpunktmäßig ostdeutsches Bauwerk vermittelt, das nicht gerade als Glanzstück deutscher Architektur gilt oder einen Anziehungspunkt für gehobene soziokulturelle Milieus dargestellt. So wurde es auch mir mit auf den Weg gegeben, wenngleich sich parallel ein Bewusstsein dafür ausprägte, das weder architektonische noch soziokulturelle Schandflecken ein ostdeutsches Phänomen sind.

Nun durfte ich einen Einblick in eine ostdeutsche Platte gewinnen und sofort feststellen, dass ihre hervorstechende Charakteristik nicht die Zugehörigkeit zu jenem oder diesem Teil der Republik ist, sondern der jegliche politische Fragilität überdauernde Beton. Nach dem Akkubohrer und der Heckenschere hat daher nun ein weiteres Gerät martialisch mein Herz erobert – der Bohrhammer. Wieder ein Haken auf der Mein-erstes-Mal-Liste. Und da wir überwiegend mit Frauenpower am Werk waren, heißt die rote Maschine nun »Hilde«. Eine Berliner Wohnbaugesellschaft stellt unter dem Titel »Bohren in die Platte mit Hausmeister Rolf« sogar einige Lehrvideos für Platten-Bohr-Laien wie mich bereit. Beim Bohren in der Platte erlebe man keine Überraschungen, sagt Rolf. Mit einer Empfehlung habe ich dann doch gefremdelt: Für das Aufhängen schwerer Lasten an die standardisiert dünnen Innenwände beherzt durch die Wand durchbohren, auf der anderen Seite wieder zuspachteln und überstreichen.

Wir haben die Küchenschränke an die Außenwand gehängt. Und damit ein Stück zuvor liebevoll aufgepeppelte, mutmaßlich westdeutsche Kulturgeschichte – die Küche mit den Metallschienen an den Schubladen, bekannt von Zuhause sowie aus Film & Fernsehen – perfekt in die dafür vorgesehen Ecke eingepasst. Die Kombination sieht fast aus wie neu – und strotzt vor Nachhaltigkeit.

Liebevoll aufgepeppelt ist aber nicht nur die mitgebrachte Küche, sondern die gesammte, durchaus gemütlich geschnittene Wohnung: frisch renoviert, ein modernes Bad und den Balkon gibt es im vierten Stock dank der Stadtrandlage mit Naturblick.

Nach einer Recherche stelle ich fest: Bei der Renovierung der Wohnung wurde ein Schalterprogramm eingebaut, das speziell für das Aufhübschen von DDR-Plattenbauten (wie z.B. dem möglicherweise vorliegenden Typ WBS-70) entwickelt wurde. Ein wenig Aurabewahrung inklusive. An einer Skurrilität komme ich dann doch nicht vorbei – anstatt eines Spiegels befindet sich über dem Waschbecken im Bad die Tür eines Schaltkastens. Dahinter befindet sich jedoch kein Kasten, sondern ein mit Spinnweben behangener Kabelschacht, in dem man schließlich auch die Rückseiten der einzigen Unterputzsteckdosen in der Wohnung erkennen kann. Sie liegen in der Küchenwand über dem Herd, in Pappe statt Beton. Also doch eine kleine Überraschung. Und Pause für den Bohrhammer.

Während ich noch von meinen Erkundungen der 60 m² Kulturgeschichte und unserem Umzugswerk begeistert bin, heißt es beim Abendessen aus den Reihen der Rauten-Generation dann ganz banal und doch auch irgendwie zukunftsweisend, was wir denn eigentlich immer mit dem Osten hätten. Wir wären doch einfach nur in Thüringen.

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