Mystère de la Foi – Geheimnis des Glaubens

Gemäuer aus dem 13. Jahrhundert. Sie begrenzen einen Raum, der voll ist von Zeichen, von Symbolen, Jahrhunderte alten Riten und Traditionen, die Menschen begleitet haben und es noch immer tun.
Eigentlich bin ich aus künstlerischen Gründen hier, Motivkompositionen erstellen, mit Licht zeichnen, auf Millionen kleiner Dioden, die durch Algorithmen und Interpolation ein digitales Abbild der Wirklichkeit erstellen. So habe ich es zumindest in meinem Foto-Kurs gelernt.
Doch als ich die Kirche wieder verlasse, fühle ich mich berührt von kleinen und großen Gegenständen und Bauwerken, die den Bräuchen und Riten ein Gerüst geben, ihnen Leben einhauchen, und die auch mich schon oft einen besonderen Lebenshauch haben spüren lassen.

Der erste Atemzug nach dem Betreten der Kirche ist ein ganz spezieller. So wie der Geruch eines bestimmten Duschgels meinen Puls steigen lässt, so beruhigend wirken auf mich die Spuren des noch in der Luft liegenden Weihrauchs. Er ist mit wohligen Emotionen verknüpft, mit einer Umgebung, in der ich sein und loslassen darf, in der ich mich aufgefangen fühle, in Freude, in Trauer, in Liebe und in Verzweiflung, in der ich Hoffnung und Zuversicht finde, Gemeinschaft und Zuhause sein erlebe. Der Duft verspricht mir, dieses Zuhause auch in diesem Gebäude finden zu dürfen, so fremd und abgelegen es sein mag.

Ein Blick auf die Orgel, die Königin der Instrumente, deren Geschichte eng mit Räumen wie diesem verwoben ist. Die Musik vermag so viele Emotionen auszudrücken, ohne dabei nur ein Wort sprechen zu müssen, dass sie in der Kirche unabdingbar ist, wo es um so viele geht, was sich schwer in Worte fassen lässt. Unser Gehörsinn verknüpft Sinneseindrücke weniger zwar radikal, doch drängen sich auch hier Assoziationen von Gemeinschaft und Geborgenheit auf. Auch die Musik birgt eine sinnliche Gotteserfahrung, eine der tiefsten überhaupt, womit sie dem Weihrauch weit überlegen ist – zumal sie nicht an Gebäude gebunden ist, nicht mal an die Kategorien von weltlich und geistlich. Mich beschleicht der Gedanke, dass die Musik eine größere Tiefe haben kann als alle Rituale und Worte dieses Gebäudes, dass die Musik zutiefst göttlich ist.

Ich stoße auf Einrichtungsgegenstände, die mir fremd bleiben. Sie gehören nicht zu meinem Erfahrungsschatz, sie wurden in mir nie zum Leben erweckt und sind mir nicht zugänglich. Vielleicht scheinen sie mir auch zu sehr von Macht durchdrungen, die fälschlicherweise im Namen der Liebe beansprucht wird, aber eigentlich ein Resultat ihres Mangels ist.

Ich entdecke in diesem Raum aber eine ganze Reihe von Dingen, die für mich etwas Geheimnisvolles in sich tragen, während sie für andere bedeutungslose Gegenstände sind, die zudem jeglicher Ästhetik entbehren. Mir führen sie eine immerwährende Suche vor Augen, nach dem, was wir Gott nennen und im Kern die Liebe ist, die mein Fühlen, mein Denken und mein Tun bestimmen möge.

Diese Suche hat viele Gesichter, derer diese Gemäuer einige beherbergen. Doch ob in Gebet oder Eucharistie, in Gesang oder im Wort, in Weihrauch oder Stille, zum Ziel hat diese Suche immer dasselbe:
Zum einen die Gewissheit, bedingungslos geliebt zu sein, von einer Liebe, die von der Eigenwilligkeit des Menschen losgelöst ist, die unabhängig von uns war, ist und sein wird, die uns Antwortet auf die Frage, warum wir sind: aus Liebe. Sie suchen wir mit allen Sinnen zu erfahren.
Zum anderen die (daraus folgende) Fähigkeit, lieben zu können – unsere eigene Seele mit Liebe zu erfüllen und sie in unseren kleinen Teil der Welt zu tragen, ebenso bedingungslos. In der Realität aber immer begrenzt durch unsere Unvollkommenheit und durch der Liebe Antagonisten, der Angst. Dort, wo wir die Angst selbst nicht bezwingen können, suchen wir Gottes Liebe, dies zu tun. Die Liebe als Kern des Glaubens, die maximale Reduzierung aller Worte, Geschichten, Ermahnungen und Gebote – mit der maximalen Entfaltungskraft für unser Leben, unser eigenes, das Miteinander und das Leben mit Gott. Sie ist Erfüllung, doch vor allem auch Auftrag, Verantwortung und Herausforderung.

Die Liebe, sie ist der Maßstab, an dem sich diese Gemäuer, alles, was sie beinhalten und alles, wofür sie stehen, messen lassen müssen.

Denn Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 1 Joh. 4, 16b

(Fotos: Katholische Kirche St. Johannes in Rasdorf)

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Über Erinnerungs- und Begeisterungskultur

Am Wahlsonntag waren wir meine Großeltern besuchen. Bei der Machtergreifung war meine Oma 10 Jahre alt, mit 95 muss sie miterleben, wie erstmals wieder eine dem völkischen Gedankengut nahestehende Partei in das Parlament unserer Republik einzieht. In der Chronik ihre Heimatdorfes zeigt sie Fotos aus früheren Zeiten und erzählt von Kühen, Hühnern und Gänsen, von dem Juden, für den sie immer Eier versteckt haben, dem der Hof angezündet wurde. Sie sagt, das mit den Juden, das stehe alles in dem anderen Buch, aber als sie es sich das letzte Mal anschaute, habe sie in der Nacht nicht schlafen können.

Er habe ein Selfie mit ihr machen wollen, aber sie hätten ihn nicht durchgelassen, dabei sei er soch so nah dran gewesen, erzählt dieser junge Mann in gebrochenem Deutsch, mit funkelnden Augen. Seine Begeisterung für Merkel wirkt fast ansteckend – für den Wahltag ist wohl aber die Entgeisterung über Menschen wie ihn sehr viel prägender.

 

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#LiebeFürAlle

Für meine »Mein erstes Mal«-Reihe haben sich am vergangenen Freitag die Ereignisse überschlagen. Zum ersten Mal eine ganze Bundestagsdebatte schauen, mit konfettiumjubelten Antrag zur Änderung der Geschäftsordnung. Und mit Tränen in den Augen. Zum ersten Mal das Gefühl, dass Berlin ganz nah ist, dass diese Abgeordneten mitten in meinem Leben stehen. Zum ersten Mal haben Frauen und Männer, die sich lieben, die Perspektive zu heiraten und es auch so nennen zu dürfen (denn wenn es nicht so genannt werden darf, ist es Diskriminierung, Herr Kauder) – die Ehe für alle wurde beschlossen.

In Freiburg durfte der erste Christopher Street Day diese Errungenschaft feiern (es bleibt jedoch genug, wofür noch zu kämpfen ist), die ersten Pläne für eine Verfassungsklage der AfD sind gescheitert (nicht antragsberechtigt). Der erste ernsthafte Versuch einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wird jedoch möglichweise auch nicht lange auf sich warten lassen, dann wird Justitia beweisen müssen, wie homo sie wirklich ist.

Was hinterher in der Zeitung stand, wurde allerdings nicht das erste Mal gedruckt.

»Die letzte Bastion fällt.«

»Ein außergewöhnlicher Fall in der deutschen Parlamentsgeschichte.«

»Der CDU-Fraktionsvorsitzende […] hat den Fraktionszwang aufgehoben«

»…basiert auf einem klugen Gruppenantrag…«

Vor fast genau 20 Jahren sahen die Konservativen die Institution der Ehe schon einmal bedroht, nämlich als die Vergewaltigung in der Ehe auf den Stand eines Verbrechens gehoben wurde. Auch damals wurde der Bezug zum grundgesetzlichen Schutz der Ehe und Familie gegen den Schutz der sexuellen Selbstbestimmung angeführt. Die heutige CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeld und die heute fraktionslose Abgeordnete Erika Steinbach stimmten damals gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe. Am vergangenen Freitag beriefen sie sich in ihren Reden abermals auf die besondere Schutzbedürftigkeit der ehelichen Institution.

Können wir nicht froh und dankbar sein, dass wir heute nicht mehr mit dem Eheverständnis des Jahres 1949 leben müssen? Dass Frauen aus freiem Willen ein eigenes Konto eröffnen können und eben nicht mehr unter dem »Schutz« des Grundgesetzes vergewaltigt werden dürfen?

Sicher sind bei beiden »Bastionen« – die Ehe als Freibrief für sexuelle Gewalt und als Bollwerk der Heteronormativität – in sich grundlegend unterschiedlich, doch wird deutlich, welche verschrobenen Wege der Konservatismus zuweilen ging, und dass nicht unbedingt alles gut war damals, 1949.

Und worin liegt eigentlich genau die Bedrohung der Institution Ehe?

Doch vor allem in dem, was über die vergangenen Jahrzehnte zunehmend Wirklichkeit geworden ist: Kinderlose Ehen. Eheloses Kinderglück. Kinder, die darunter leiden, nicht mit Mama und Papa aufzuwachsen oder zusammenzuleben – oder von ihnen vernachlässigt werden. Weniger Eheschließungen, mehr Scheidungen. Und all das vorrangig in der heterosexuellen Bevölkerungsgruppe (wie übrigens auch im Geltungsbereich des besonderen Schutzes von Ehe und Familie).

Die Ehe für alle schmälert nicht die Leistung und Möglichkeiten unserer heterosexuellen Mitbürger und Mitbürgerinnen, sich für den biologischen Fortbestand unserer Gesellschaft einzusetzen, und wertet die »Weitergabe von Leben« in keinem Stück ab. Da diese heute aber nahezu gleichwertig innerhalb wie außerhalb der Ehe stattfinden darf, lenkt die Ehe für alle den Blick auf ihren zweiten Kern, den der Christdemokrat Dr. Luczak völlig zu Recht in seiner Bundestagsrede hervorhebt: schützenswert an der Ehe sind – heute mehr denn je – die zutiefst konservativen Werte der Liebe, Treue, Verlässlichkeit, der Verantwortung füreinander, die frei jeglichen Geschlechts sind. Es sind diese Werte, die unsere Gesellschaft stärken, egal zwischen wem sie gelebt werden. Und es sind diese Werte, die wir an unsere Kinder weiterzugeben haben.

Wahrscheinlich hat das Gesetz hauptsächlich eine Folge: mehr Ehen. Und Anerkennung dessen, was wir in diese Welt mitgebracht haben und in Liebe leben möchten.

Love wins!

 

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Ist Justitia lesbisch?

Der aufbrausende Wahlkampf beschert uns möglicherweise das Recht, den Menschen, den wir lieben, zu heiraten. Auch wenn eine Überzeugungstat sicher einen weniger bitteren Beigeschmack hätte, ist es ein historischer Moment, den wir da morgen erwarten. Ein knappes viertel Jahrhundert nachdem die Homosexualität in unserem Land in die vollkommene Straffreiheit entlassen wurde, würde sie mit der Ehe für Alle eine Bastion des Konservatismus erobert, welcher die Biologie über den christlichsten aller Grundwerte stellt – die Liebe. Überfällig – und bewegend.

Mit Spannung bleibt abzuwarten, ob wir die “Ehe für Alle”-Plakate, die in den letzten Jahren auf unzähligen Demos der Christopher Street Days durch die Straßen getragen wurden, endlich wegschmeißen dürfen – und Justitia vielleicht doch ein bisschen lesbisch ist.

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Undigestable

Anti-Trump poop. Who fed their dog with American cookies?

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On Privacy

There is something very private about public toilets. The moment you lock the door you are with yourself only, be it in a clean and friendly or in a yucky environment.

I must admit, I was not aware of this privacy being a key aspect of public toilets until I saw this totally public toilet in a coffee house in Vienna, Austria. I was left in disorientation and confusion – and with my very basic needs.

Public Toilet in Viena

For all those who would like to pee at Alt Wien Kaffeehaus – the door turns non-transparent when locked.

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»Die Liebe ist der Herzschlag des gesamten Universums«

La Traviata Probe II

Es muss ihm wichtig sein, wenn er sagt „ich weiß, dass Sie das alle wissen“ und die Geschichte trotzdem erzählt.

Der Maestro nutz die kurze Pause, um sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn zu wischen und beginnt mit seiner kurzen Lektion zur wahren Geschichte hinter La Traviata, mit einem Ernst in der Stimme, die eine Betroffenheit vom Schicksal einer jungen Frau spüren lässt, deren Geschichte, deren Verletzungen und deren Glück heute kein Stück an Aktualität eingebüßt haben.

Die historische Vorlage der vom Wege abgekommenen biete Marie Duplessis, eine adelig klingende Namensfassade der unter erbärmlichen Verhältnissen in der Normandie geborenen Alphonsine Plessis.

Mit dem Taschentuch trocknet er wieder den Schweiß auf seiner Stirn und erzählt von dem Mädchen, sie sei in Armut aufgewachsen und bereits als Kind sexuell missbraucht worden. Seine Stimme lässt erahnen, er lege damit den Schlüssel für das Verstehen von Violettas Seele frei und spanne die emotionale Dimension dieser Geschichte auf.

"Die Liebe ist der Herzschlag des gesamten Universums" La Traviata im Stadttheater Gießen Foto: Rolf K. Wegst

»Die Liebe ist der Herzschlag des gesamten Universums«
La Traviata im Stadttheater Gießen (noch bis April 2017)
(Photo: Rolf K. Wegst)

Irgendwann habe sie ihre Schönheit entdeckt und wie diese sie aus ihrem miserablen Leben befreien könne. Sie sei nach Paris gegangen und habe sich dort einen Namen als Kurtisane diverser gewichtiger Herren gemacht. Dabei sei sie – natürlich – erkrankt. Sie habe sich schließlich verliebt, diese Seele, die sich an so viele Männer verkauft hatte, habe zum ersten Mal begonnen, unschuldig und rein zu lieben. Schließlich sei sie, schwindsüchtig wieder in der Armut gefangen, ihrer Krankheit erlegen, mit gerade mal 23 Jahren, während vor der Tür bereits die Gerichtsvollzieher warteten – ihren Tod erwarteten, um aus ihrem mit ihrer Aura behafteten Hab und Gut märchenhafte Profite zu schlagen. Heute liege sie auf dem Pariser Friedhof Montmatre begraben.

Die Geschichte der Traviata, vom Wege abgekommenen, sie handelt von der Liebe, die an einem Fleck in Violettas Seele keimt, der von allen Verletzungen geschützt worden war und ihr Heilung bringt. Leider vermag sie keine sozialen Konventionen zu durchbrechen, sodass sie letztlich an diesen selbst zerbricht.

In der Tragik und Dramatik unausweichlich mitreißend, doch am Ende steht nicht der Tod, sondern die Fähigkeit, trotz aller Verletzungen unschuldig und rein lieben zu können – wenn auch gefangen in den Unzulänglichkeiten des menschlichen Daseins, die Violetta der Einsamkeit überlassen.

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Filed under 17x., Chantez, chantez!, Teatro