Biodiversität

Ich bin dankbar für meine Lieblingstherme im mittelhessischen Bergland. Sie beherbergt die gemütlichste Saunalandschaft, in der ich mich bisher auf den bezaubernden Mix aus rustikalem Schwitzen, sanftem Wellness-Relaxen, gedämpftem LED-Kerzenlicht, entspanntem Füße Wärmen und erlebter Verdampfungsenthalpie eingelassen habe. Die Sauna an sich ist aber nicht nur ein entspannungsinduzierender Ort, sondern durchaus auch einer des Erkenntnisgewinns – über das Leben an sich, über unsere Gesellschaft und ihre sich verändernden Gepflogenheiten, über den vielfältigen Reichtum, den die großartige Natur hervorbringt.

Ein einziger Gedanke löst bei allem inneren und äußerlichen Loslassen dann doch immer wieder ein wenig Beklemmung aus – dass bei jedem Saunagang unser ökologischer Fuß wohl durch ein Tal der Tränen wandelt. Die Solarsauna ist im mittelhessischer Bergland leider noch nicht in Sicht.www.ccpixs.com

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Lebendiges Mittelalter

Kürzlich sah ich einen Schriftzug: Verein für lebendiges Mittelalter e.V. – zwar weiß ich wohl um diesen Kult, aber wer zum Teufel wünscht sich eigentlich, dass das Mittelalter wieder lebendig wird?! Doch hin und wieder passiert das ja mal, nicht selten aus einer römischen Keimzelle heraus. So auch wieder kürzlich, als der Vatikan dem Jesuiten Ansgar Wucherpfennig eine sogenannte Unbedenklichkeitserklärung für die Fortführung seines Rektorenamtes an der Philosophischen Hochschule Sankt Georgen versagte und forderte, vor einigen Jahren getätigte homophile Aussagen zu widerrufen.

Mit Sankt Georgen verbinde ich ein Abendessen im Priesterseminar vor knapp zehn Jahren, die Jungs hatten Reis gekocht. Eingeladen hatte mich ein junger Seminarist, den ich in monastischen Kreisen in Frankreich kennen gelernt hatte. Wir trafen uns ein paar Mal in Frankfurt, verloren uns dann aber etwas aus den Augen, wenngleich unsere Facebook-Freundschaft fortbestand.

Erst einige Jahre später sah ich den damaligen Seminaristen wieder, beim Christopher Street Day im Sommer: Ich schaute der Parade zu und er zog an mir vorbei, auf dem Wagen seines Arbeitsgebers. Der war mittlerweile ein großes Unternehmen, bei dem er Wirtschaftsingenieurwesen studierte – und seinen Lebensgefährten kennen lernte.

Seitdem sind weitere Jahre des 21. Jahrhunderts vergangen und man könnte meinen, wir seien in der Akzeptanz von Vielfalt in unserem Kulturkreis schon recht weit gekommen. Wenn sich aber ein Neutestamentler für eine Liebe ausspricht, die in der Grundorientierung egalitär und in der Geschlechterorientierung folglich egal ist, dann gehen doch 300 Jahre beste aufklärerische Tradition den Bach hinunter, die Kirche forderte Widerrufung. Möglichweise, weil damit an ihrem jahrhundertealten Erfolgsrezept gekratzt wird, der Verteidigung von Machtgefällen – die heute mehr denn je in Frage gestellt werden sollte, gerade wenn man in einer aufgeklärten Gesellschaft das höchste religiöse Gut der Liebe im Kontrast zu den tiefsten institutionellen Machtmissbräuchen der Kirche betrachten muss.

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Bohren in die Platte

Während des Studiums gehörte es zu den Ehrendiensten unter Freunden, sich gegenseitig beim Umzug zu helfen. Mit einem Freund stellte ich schon vor ein paar Jahren fest, dass diese Zeiten für uns eigentlich vorbei sind, doch innerhalb der Familie ist der Dienst schwer zu versagen. Kurz vor Semesterbeginn wurde daher ein Transporter beladen, Ziel: Thüringen. Und pünktlich zum Jahrestag der Deutschen Einheit brachte der familiäre Ehrendienst mir ein Stück deutscher Kulturgeschichte nahe – die Platte.

Der Plattenbau wurde in der westdeutschen Erziehung als ein schwerpunktmäßig ostdeutsches Bauwerk vermittelt, das nicht gerade als Glanzstück deutscher Architektur gilt oder einen Anziehungspunkt für gehobene soziokulturelle Milieus dargestellt. So wurde es auch mir mit auf den Weg gegeben, wenngleich sich parallel ein Bewusstsein dafür ausprägte, das weder architektonische noch soziokulturelle Schandflecken ein ostdeutsches Phänomen sind.

Nun durfte ich einen Einblick in eine ostdeutsche Platte gewinnen und sofort feststellen, dass ihre hervorstechende Charakteristik nicht die Zugehörigkeit zu jenem oder diesem Teil der Republik ist, sondern der jegliche politische Fragilität überdauernde Beton. Nach dem Akkubohrer und der Heckenschere hat daher nun ein weiteres Gerät martialisch mein Herz erobert – der Bohrhammer. Wieder ein Haken auf der Mein-erstes-Mal-Liste. Und da wir überwiegend mit Frauenpower am Werk waren, heißt die rote Maschine nun »Hilde«. Eine Berliner Wohnbaugesellschaft stellt unter dem Titel »Bohren in die Platte mit Hausmeister Rolf« sogar einige Lehrvideos für Platten-Bohr-Laien wie mich bereit. Beim Bohren in der Platte erlebe man keine Überraschungen, sagt Rolf. Mit einer Empfehlung habe ich dann doch gefremdelt: Für das Aufhängen schwerer Lasten an die standardisiert dünnen Innenwände beherzt durch die Wand durchbohren, auf der anderen Seite wieder zuspachteln und überstreichen.

Wir haben die Küchenschränke an die Außenwand gehängt. Und damit ein Stück zuvor liebevoll aufgepeppelte, mutmaßlich westdeutsche Kulturgeschichte – die Küche mit den Metallschienen an den Schubladen, bekannt von Zuhause sowie aus Film & Fernsehen – perfekt in die dafür vorgesehen Ecke eingepasst. Die Kombination sieht fast aus wie neu – und strotzt vor Nachhaltigkeit.

Liebevoll aufgepeppelt ist aber nicht nur die mitgebrachte Küche, sondern die gesammte, durchaus gemütlich geschnittene Wohnung: frisch renoviert, ein modernes Bad und den Balkon gibt es im vierten Stock dank der Stadtrandlage mit Naturblick.

Nach einer Recherche stelle ich fest: Bei der Renovierung der Wohnung wurde ein Schalterprogramm eingebaut, das speziell für das Aufhübschen von DDR-Plattenbauten (wie z.B. dem möglicherweise vorliegenden Typ WBS-70) entwickelt wurde. Ein wenig Aurabewahrung inklusive. An einer Skurrilität komme ich dann doch nicht vorbei – anstatt eines Spiegels befindet sich über dem Waschbecken im Bad die Tür eines Schaltkastens. Dahinter befindet sich jedoch kein Kasten, sondern ein mit Spinnweben behangener Kabelschacht, in dem man schließlich auch die Rückseiten der einzigen Unterputzsteckdosen in der Wohnung erkennen kann. Sie liegen in der Küchenwand über dem Herd, in Pappe statt Beton. Also doch eine kleine Überraschung. Und Pause für den Bohrhammer.

Während ich noch von meinen Erkundungen der 60 m² Kulturgeschichte und unserem Umzugswerk begeistert bin, heißt es beim Abendessen aus den Reihen der Rauten-Generation dann ganz banal und doch auch irgendwie zukunftsweisend, was wir denn eigentlich immer mit dem Osten hätten. Wir wären doch einfach nur in Thüringen.

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Freischuss

Beim Ausmisten im Keller meiner Elter habe ich Relikte der Vergangenheit ausgegraben, vier Filme Schwarz-Weiß-Bilder aus den Jahren 2006 und 2008 – durch die Kellerlagerung ja vielleicht noch fast frisch. Dazu auch noch ein passendes Gerät aus den frühern 1980er Jahren, mit dem ich die 120 Freischuss verfeuern kann.

Vielleicht schiebe ich auch noch eine kleine Bildungseinheit bei den heranwachsenden Hobby-Fotografen ein. Da wurde sich doch glatt vor dem auf sie gerichteten Objektiv weggeduckt, obwohl ich zuvor eindeutig demonstriert habe, dass kein Film eingelegt war.

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Parade-Beispiel

Juli ist Pride-Season. Da hatte ich beschlossen, der Main-Metropole dieses Jahr mal wieder einen Tagesausflug abzustatten. Zu erleben gab es eine Mischung aus Demo, Faschingsumzug, Volksfest und einer surrealen Welt, in der offen hetero lebende Pärchen plötzlich ein wenig exotisch erscheinen. Einmal Vielfalt zum Eintauchen, Durchschwimmen, Aushalten, Bestaunen, Feiern und Genießen – for basically anybody – whether you’re gaysexual, straightsexual, bisexual, trisexual, supersexual, oversexual, undersexual, whatever.

Ich und meine Kamera lieben das Bunt der Parade, wir waren schon das dritte Mal gemeinsam da um die knalligen Farben einzufangen, das, was sonst so oft unsichtbar bleibt. Mich berührt die Fröhlichkeit, die die Parade durchzieht – eine Fröhlichkeit, die es hier nicht immer gab und die es anderswo noch immer nicht gibt. Ich bin sehr dankbar, sie in Freiheit genießen zu können. Die grünen PR-Texter haben es auf den Punkt gebracht: CSD statt AfD!

Dafür wünsche ich mir eine All-Year-Pride-Season.

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Hang Loose Food

(English speaking vegetarians travelling to Huanchaco see below)

Es ist gar nicht so leicht, sich in Peru als Vegetarier durchzuschlagen, selbst in einem touristischen Surfer Hot Spot wie Huanchaco. Zumal vegetarisch in unserem Sinne ja auch ohne Hühnchen bedeutet, was den ungläubigen Blicken zufolge nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint.
Eine Zeit lang haben wir uns mit Omelette oder etwas lieblos zusammengestellten Beilagentellern begnügt, bis wir uns schließlich auf die Suche nach auf westliche Essegewohnheiten spezialisierte Restaurants gemacht haben. Eine vielversprechende Aufschrift »Vegan organic food« vor einem Restaurant an der Strandpromenade entpuppte sich leider als Lügen-Schild.

Durch unsere mit viel Insider-Wissen ausgestattete Begleitung durften wir dann schließlich Miguel kennen lernen. Miguel ist der Koch eines kleinen, urigen Cafés in einer der Straßen in zweiter Reihe, in dem zugleich – oder auch primär – ein Hostel und eine Surfschule untergebracht sind, das Un Lugar Café. Sitzen kann man nur draußen in einem gemütlichen, dem Dschungel nachempfundenen Innenhof. An der einen Seite aufgereihte Surf-Bretter, gegenüber ein Käfig mit zwei Bilderbuch-Papageien. Die Sonne wird durch Netze und Holzkonstruktionen gedämpft, Sofas, Bänke, Tische mit Ambiente versprühen haufenweise ein Hang-Loose-Feeling, dem man sich nur schwer entziehen kann. Neben einem Sofa-Arrangement befindet sich die Küche, vom Rest des Hofes durch eine Theke getrennt. Ob Miguels Reich durch eine solide Dach-Konstruktion bedeckt ist, kann ich gar nicht mehr so genau sagen.

Best cook in town in his kitchen

Die Küche des Un Lugar Surf Camps bietet – für Peru sehr typisch – »Menü« an, d.h. das Tagesgericht, dazu eine Vorspeise (oftmals Suppe) und ein Getränk (oftmals extrem süß). Das Ganze für 7 Soles, umgerechnet ca. 1,75 €. Mehr als das steht nicht auf der Karte, dafür bietet eine Kühltheke noch eine exquisite Auswahl an Torten und Küchlein.
Wir bekamen schließlich auf vorsichtige Nachfrage ein vegetarisches Menü kreiert: Salat statt Suppe (frisch angemachtes Dressing gibt’s in einem Becher dazu gestellt) und eine super leckere Gemüse-Pfanne mit Reis. Zum Nachtisch haben wir uns dann noch ein bisschen Apfeltarte gegönnt. Insgesamt ein Gaumenschmaus in vegetarisch, vegan und glutenfrei – jedoch ohne, dass dies auf einschlägigen Websites als solches beworben würde.

Wer ein paar Tage durch Huanchaco streift, sollte sich einen Mittag im kleinen Un Lugar Paradies auf keinen Fall entgehen lassen (abends leider geschlossen, soweit wir das mit den Öffnungszeiten verstanden haben)!

The best place to have lunch in Huanchaco definitely is the »Un Lugar Café/Surf Camp«. An unsuspicious door in the middle of Jiron Francisco Bolognesi is the entrance to a little hang loose paradise with surfboards, parrots, wooden constructions and smooth shade – a little courtyard where food and drinks are served. Kitchen chef Miguel cooks the menu of the day, and if you ask nicely, you will get the most delicious vegetarian food in town (plus gorgeous chocolate cakes). The guys working there are very kind, and they speak some English (which was very helpful). Highly recommend for a relaxed lunch and afternoon in Huanchaco!

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Traumpass

Eigentlich spielt mein Reisepass eine recht untergeordnete Rolle in meinem Leben. Ich brauche ihn nur, wenn ich die Europäische Union verlasse, und das tue ich nicht sonderlich oft. Doch die Momente, in denen ich ihn in der Schlange vor einer Passkontrolle in den Händen halte, fühlen sich stets sehr bedeutungsschwer an.

Ich besitze etwas, das Milliarden Menschen auf der Welt nicht haben und viele von ihnen gerne hätten. Viele würden dafür vielleicht viel Geld bezahlen, andere zahlen mit ihrem Leben. Ich habe ihn einfach so, meinen deutschen Pass, ohne etwas dafür zu tun und er räumt mit gegenüber vielen den vielen Milliarden Menschen viele Privilegien ein.

Mit meinem Pass darf ich zu jeder Zeit in unser kleines, wohlhabendes Land einreisen und so lange bleiben wie ich möchte. Zugegeben, das hat nicht nur Vorteile. Dafür muss ich auch Müll trennen, den Bürgersteig vor dem Haus sauber halten, zum Fahrspurwechsel blinken und nicht zuletzt an der deutschen Erfindung des Weltschmerzes teilhaben, den so viele von uns allerorten in ihr Leben verspüren und in unsere kleine wohlhabende Welt versprühen. Daneben kann ich jedoch – und das ist weitaus gewichtiger – mein Leben in vergleichsweise zuverlässiger Ruhe und Sicherheit führen. Und arbeiten darf ich hier auch.

Meine Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der Europäischen Union und dem Europäischen Wirtschaftsraum haben der Theorie nach die gleichen Möglichkeiten. Meine Privilegien teile ich formal demnach mit geschätzt 525 Millionen Menschen. Für ungefähr nochmal so viele Menschen aus »bestimmten Staaten« besteht zumindest noch eine relativ große Offenheit, dass sie mit uns leben und arbeiten dürfen, sofern sie das denn möchten. Aber das tun sie oft nicht, da es ihnen vielleicht ähnlich gut geht wie uns.

Bleibt der Rest, ca. 85% der Menschheit, der in sogenannten Drittstaaten, nicht aber bestimmten Staaten lebt, und wer unter ihnen nicht gerade hochqualifiziert in einem Gebiet ist, in dem uns die eigenen Spezialisten ausgehen, der kommt aus seinem Drittstaatenstatus nicht so leicht raus – bzw. in unser Land nicht so leicht rein.

Manche Menschen meinen ja, es seien schon viel zu viele von ihnen drin. Das wiederum liegt wohl daran, dass dieser Rest der Welt nur grob die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung erzielt. Ich kann mir vorstellen, es wollten gar nicht mehr so viele hier her, wenn unser Anteil am Bruttoweltprodukt nur ein ganz keiner wäre und sich Wohlstand und Sicherheit irgendwo anders auf der Welt niederließen.

Dann hätte wahrscheinlich auch mein Reisepass einen großen Teil seiner Aura verloren, nämlich der Teil, der mich immer mal wieder – sofern ich mich aufmache, unsere europäische Festung zu verlassen – spüren lässt, wie weit nach oben mich das Leben ohne mein Zutun gespült hat.

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Filed under En route, Gratitude Journal, Peru