Auf die Augen, auf die Ohren

Kurze Pause im hektischen Adventsalltag für einen schnellen Gratitude-Check:

Ich bin dankbar für das Kerzenlicht! Zwar gibt es auch hier immer mehr LED-Imitate, doch das Feuer behauptet sich auf dem Markt immer noch tapfer. Die Glühbirne hingegen musste in Sachen Weihnachtsbeleuchtung in den letzten Jahren nahezu vollständig das Feld bzw. den Baum räumen. Für das Klima und die Menschheit eine wichtige Entwicklung, aber so ganz ist die Glühlampe doch nicht zu imitieren. Da müssen an den Feiertagen dann vermutlich doch wieder die Kerzen ran. Der Rest des Hauses erleuchtet aber trotzdem in LED-Warmweiß, man muss ja auch mit der Zeit gehen.

Auf die Augen, auf die Ohren

Und ich bin dankbar für meine kleinen Ohrenwärmer, die ich in diesem Winter mit Herzmotiv trage. Ein bisschen mehr Liebe in der Welt kann schließlich nicht schaden.

In diesem Sinne: eine friedliche Adventszeit!

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Tapetenwechsel

Addio.

Nach sieben Jahren war es für mich an der Zeit, mich vom Titelbild meines Blogs zu verabschieden. Die antiken Zeilen stammten aus einem 1827 gedruckten Werk – ein Fund in der ehemaligen Institutsbibliothek-Bibliothek, dessen inhaltlicher Wert mir wohl nicht so hoch erschien wie sein fotografischer. Diesen schätzte ich von Beginn an sehr, die Textzeilen sollten meinem Blog einen Hauch handwerklicher Schriftsatzkunst mit in die digitale Welt geben.

»Die Schule der Frauen oder Schriften zur Belehrung des weiblichen Geschlechts« wohnt mittlerweile im Magazin der Unibibliothek

Doch den Pfad zur soziomedialen Selbstoptimierung habe ich nun bereits seit einigen Jahren verlassen und so soll auch mein neues Titelbild die Hinwendung zu originäreren Dingen der Schöpfung wiederspiegeln – der Liebe und der Natur. Die Musik ist da nicht weit von entfernt, deshalb wird sie auch erstmal weitehrin den Hintergrund zieren, ein Bildnis aus Rossinis Carnevale di Venezia.

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Biodiversität

Ich bin dankbar für meine Lieblingstherme im mittelhessischen Bergland. Sie beherbergt die gemütlichste Saunalandschaft, in der ich mich bisher auf den bezaubernden Mix aus rustikalem Schwitzen, sanftem Wellness-Relaxen, gedämpftem LED-Kerzenlicht, entspanntem Füße Wärmen und erlebter Verdampfungsenthalpie eingelassen habe. Die Sauna an sich ist aber nicht nur ein entspannungsinduzierender Ort, sondern durchaus auch einer des Erkenntnisgewinns – über das Leben an sich, über unsere Gesellschaft und ihre sich verändernden Gepflogenheiten, über den vielfältigen Reichtum, den die großartige Natur hervorbringt.

Ein einziger Gedanke löst bei allem inneren und äußerlichen Loslassen dann doch immer wieder ein wenig Beklemmung aus – dass bei jedem Saunagang unser ökologischer Fuß wohl durch ein Tal der Tränen wandelt. Die Solarsauna ist im mittelhessischer Bergland leider noch nicht in Sicht.www.ccpixs.com

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Lebendiges Mittelalter

Kürzlich sah ich einen Schriftzug: Verein für lebendiges Mittelalter e.V. – zwar weiß ich wohl um diesen Kult, aber wer zum Teufel wünscht sich eigentlich, dass das Mittelalter wieder lebendig wird?! Doch hin und wieder passiert das ja mal, nicht selten aus einer römischen Keimzelle heraus. So auch wieder kürzlich, als der Vatikan dem Jesuiten Ansgar Wucherpfennig eine sogenannte Unbedenklichkeitserklärung für die Fortführung seines Rektorenamtes an der Philosophischen Hochschule Sankt Georgen versagte und forderte, vor einigen Jahren getätigte homophile Aussagen zu widerrufen.

Mit Sankt Georgen verbinde ich ein Abendessen im Priesterseminar vor knapp zehn Jahren, die Jungs hatten Reis gekocht. Eingeladen hatte mich ein junger Seminarist, den ich in monastischen Kreisen in Frankreich kennen gelernt hatte. Wir trafen uns ein paar Mal in Frankfurt, verloren uns dann aber etwas aus den Augen, wenngleich unsere Facebook-Freundschaft fortbestand.

Erst einige Jahre später sah ich den damaligen Seminaristen wieder, beim Christopher Street Day im Sommer: Ich schaute der Parade zu und er zog an mir vorbei, auf dem Wagen seines Arbeitsgebers. Der war mittlerweile ein großes Unternehmen, bei dem er Wirtschaftsingenieurwesen studierte – und seinen Lebensgefährten kennen lernte.

Seitdem sind weitere Jahre des 21. Jahrhunderts vergangen und man könnte meinen, wir seien in der Akzeptanz von Vielfalt in unserem Kulturkreis schon recht weit gekommen. Wenn sich aber ein Neutestamentler für eine Liebe ausspricht, die in der Grundorientierung egalitär und in der Geschlechterorientierung folglich egal ist, dann gehen doch 300 Jahre beste aufklärerische Tradition den Bach hinunter, die Kirche forderte Widerrufung. Möglichweise, weil damit an ihrem jahrhundertealten Erfolgsrezept gekratzt wird, der Verteidigung von Machtgefällen – die heute mehr denn je in Frage gestellt werden sollte, gerade wenn man in einer aufgeklärten Gesellschaft das höchste religiöse Gut der Liebe im Kontrast zu den tiefsten institutionellen Machtmissbräuchen der Kirche betrachten muss.

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Bohren in die Platte

Während des Studiums gehörte es zu den Ehrendiensten unter Freunden, sich gegenseitig beim Umzug zu helfen. Mit einem Freund stellte ich schon vor ein paar Jahren fest, dass diese Zeiten für uns eigentlich vorbei sind, doch innerhalb der Familie ist der Dienst schwer zu versagen. Kurz vor Semesterbeginn wurde daher ein Transporter beladen, Ziel: Thüringen. Und pünktlich zum Jahrestag der Deutschen Einheit brachte der familiäre Ehrendienst mir ein Stück deutscher Kulturgeschichte nahe – die Platte.

Der Plattenbau wurde in der westdeutschen Erziehung als ein schwerpunktmäßig ostdeutsches Bauwerk vermittelt, das nicht gerade als Glanzstück deutscher Architektur gilt oder einen Anziehungspunkt für gehobene soziokulturelle Milieus dargestellt. So wurde es auch mir mit auf den Weg gegeben, wenngleich sich parallel ein Bewusstsein dafür ausprägte, das weder architektonische noch soziokulturelle Schandflecken ein ostdeutsches Phänomen sind.

Nun durfte ich einen Einblick in eine ostdeutsche Platte gewinnen und sofort feststellen, dass ihre hervorstechende Charakteristik nicht die Zugehörigkeit zu jenem oder diesem Teil der Republik ist, sondern der jegliche politische Fragilität überdauernde Beton. Nach dem Akkubohrer und der Heckenschere hat daher nun ein weiteres Gerät martialisch mein Herz erobert – der Bohrhammer. Wieder ein Haken auf der Mein-erstes-Mal-Liste. Und da wir überwiegend mit Frauenpower am Werk waren, heißt die rote Maschine nun »Hilde«. Eine Berliner Wohnbaugesellschaft stellt unter dem Titel »Bohren in die Platte mit Hausmeister Rolf« sogar einige Lehrvideos für Platten-Bohr-Laien wie mich bereit. Beim Bohren in der Platte erlebe man keine Überraschungen, sagt Rolf. Mit einer Empfehlung habe ich dann doch gefremdelt: Für das Aufhängen schwerer Lasten an die standardisiert dünnen Innenwände beherzt durch die Wand durchbohren, auf der anderen Seite wieder zuspachteln und überstreichen.

Wir haben die Küchenschränke an die Außenwand gehängt. Und damit ein Stück zuvor liebevoll aufgepeppelte, mutmaßlich westdeutsche Kulturgeschichte – die Küche mit den Metallschienen an den Schubladen, bekannt von Zuhause sowie aus Film & Fernsehen – perfekt in die dafür vorgesehen Ecke eingepasst. Die Kombination sieht fast aus wie neu – und strotzt vor Nachhaltigkeit.

Liebevoll aufgepeppelt ist aber nicht nur die mitgebrachte Küche, sondern die gesammte, durchaus gemütlich geschnittene Wohnung: frisch renoviert, ein modernes Bad und den Balkon gibt es im vierten Stock dank der Stadtrandlage mit Naturblick.

Nach einer Recherche stelle ich fest: Bei der Renovierung der Wohnung wurde ein Schalterprogramm eingebaut, das speziell für das Aufhübschen von DDR-Plattenbauten (wie z.B. dem möglicherweise vorliegenden Typ WBS-70) entwickelt wurde. Ein wenig Aurabewahrung inklusive. An einer Skurrilität komme ich dann doch nicht vorbei – anstatt eines Spiegels befindet sich über dem Waschbecken im Bad die Tür eines Schaltkastens. Dahinter befindet sich jedoch kein Kasten, sondern ein mit Spinnweben behangener Kabelschacht, in dem man schließlich auch die Rückseiten der einzigen Unterputzsteckdosen in der Wohnung erkennen kann. Sie liegen in der Küchenwand über dem Herd, in Pappe statt Beton. Also doch eine kleine Überraschung. Und Pause für den Bohrhammer.

Während ich noch von meinen Erkundungen der 60 m² Kulturgeschichte und unserem Umzugswerk begeistert bin, heißt es beim Abendessen aus den Reihen der Rauten-Generation dann ganz banal und doch auch irgendwie zukunftsweisend, was wir denn eigentlich immer mit dem Osten hätten. Wir wären doch einfach nur in Thüringen.

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Filed under Mein erstes Mal

Freischuss

Beim Ausmisten im Keller meiner Elter habe ich Relikte der Vergangenheit ausgegraben, vier Filme Schwarz-Weiß-Bilder aus den Jahren 2006 und 2008 – durch die Kellerlagerung ja vielleicht noch fast frisch. Dazu auch noch ein passendes Gerät aus den frühern 1980er Jahren, mit dem ich die 120 Freischuss verfeuern kann.

Vielleicht schiebe ich auch noch eine kleine Bildungseinheit bei den heranwachsenden Hobby-Fotografen ein. Da wurde sich doch glatt vor dem auf sie gerichteten Objektiv weggeduckt, obwohl ich zuvor eindeutig demonstriert habe, dass kein Film eingelegt war.

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Parade-Beispiel

Juli ist Pride-Season. Da hatte ich beschlossen, der Main-Metropole dieses Jahr mal wieder einen Tagesausflug abzustatten. Zu erleben gab es eine Mischung aus Demo, Faschingsumzug, Volksfest und einer surrealen Welt, in der offen hetero lebende Pärchen plötzlich ein wenig exotisch erscheinen. Einmal Vielfalt zum Eintauchen, Durchschwimmen, Aushalten, Bestaunen, Feiern und Genießen – for basically anybody – whether you’re gaysexual, straightsexual, bisexual, trisexual, supersexual, oversexual, undersexual, whatever.

Ich und meine Kamera lieben das Bunt der Parade, wir waren schon das dritte Mal gemeinsam da um die knalligen Farben einzufangen, das, was sonst so oft unsichtbar bleibt. Mich berührt die Fröhlichkeit, die die Parade durchzieht – eine Fröhlichkeit, die es hier nicht immer gab und die es anderswo noch immer nicht gibt. Ich bin sehr dankbar, sie in Freiheit genießen zu können. Die grünen PR-Texter haben es auf den Punkt gebracht: CSD statt AfD!

Dafür wünsche ich mir eine All-Year-Pride-Season.

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